Ein Flug, ein Zug und eine unglaubliche Stadt – die Anreise nach Cuenca

Donnerstag, 1. Juni 2017

Der Hochgeschwindigkeitszug hält irgendwo im spanischen Nirgendwo. Hügel, Getreidefelder, Mohn. Sommer. Aber wo ist Cuenca? Ich sehe mich um. Da drüben, ein paar Kilometer entfernt, zieht sich die Stadt am Hang hoch.

Es ist vier Uhr nachmittags, und in den letzten elf Stunden habe ich schon richtige Abenteuer erlebt. Ich bin nämlich geflogen, zum ersten Mal in meinem nun schon fast 59 Jahre währenden Leben, und fast wäre es nicht dazu gekommen… Der 5-Uhr-Zug, der erste am Tag, fuhr mir just vor der Nase weg! Woher hätte ich wissen sollen, dass es gerade heute eine Fahrplanänderung gab, wegen irgendwelcher Bauarbeiten? Zum Glück habe ich eine Frühaufsteherin unter meinen Freundinnen, die Liebe sprang ins Auto und brachte mich nach Weilheim, wo ich den Anschlusszug erreichte, und dann die S-Bahn, und um 7:35 saß ich, nachdem auch meine offenbar verdächtigen Wanderstiefel geröntgt worden waren, im richtigen Flieger nach Madrid. Am Fensterchen.

Kaum ein Wölkchen trübte den Blick auf den halben Kontinent Europa, über den der große blecherne Vogel dahinzog, und ich sah mit Staunen und ein bisschen Wehmut, wie sehr dieser Kontinent vom Menschen geprägt und gestaltet ist. Ein Flickenteppich aus Feldern und Ortschaften. Gibt es keine Wildnis mehr in Europa? Doch, da tauchten unten die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen auf, es wackelte ein bisschen und ich wurde ganz hibbelig vor Begeisterung…

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An der Shuttlebus-Haltestelle des Madrider Flughafens sichtete ich die ersten Muschelrucksäcke und stürzte mich darauf. Die Rucksäcke gehörten zwei dänischen Pilgerinnen. Von Saint-Jean Pied de Port bis Roncesvalles waren sie gekommen, die erste Etappe, da hatten sie die Pilgerschaft abbrechen müssen. Eine der Beiden konnte sich kaum noch auf ihren Füßen fortbewegen, die Arme. Dann, am Fahrkartenschalter der Schnellbahn C1, die nächste Pilgermuschel. Die gehörte Hedi aus Franken. Hedi wollte nach Leon und hatte keine Ahnung, wie sie da hinkommen sollte – nun war es also doch zu etwas nütze, dass ich mich zu Hause ausführlich mit dem Madrider Verkehrsnetz befasst hatte. Wir tranken einen Kaffee, schwärmten von Pilgererlebnissen, und dann schob ich sie an der Haltestelle Chamartin aus dem Zug – ich selber musste zum Bahnhof Atocha, einem verwirrenden Labyrinth aus Läden und Gleisen und Ebenen und einem Palmengarten mittendrin… Welch ein Vergnügen, endlich entspannt in dem schönen, bequemen AVE – Schnellzug zu sitzen, der mich nun hierhergebracht hat.

 

Cuenca! Ein Bus hält am Bahnhofsvorplatz. In wenigen Minuten bringt er mich, den einzigen Fahrgast, direkt vor die Kathedrale.

Ein erster kleiner Rundgang, zum Ankommen. Sehr ruhig ist es in der Stadt, alle Läden sind geschlossen, die Bewohner halten Siesta in ihren Häusern. Nur eine kleine Touristengruppe ist ebenfalls unterwegs, und wieder einmal sorgt meine Pilgermuschel dafür, dass wir ins Gespräch kommen. „Ja“, erzähle ich auf englisch, „auch hier verläuft ein Jakobsweg. Die Ruta de la Lana. Es ist ein alter Handelsweg, auf dem seit dem Mittelalter die Wollhändler ihre Produkte transportierten. Aber es gibt einen Bericht aus dem frühen 17. Jahrhundert, wonach eine Familie aus Monteagudo de las Salinas diesen Weg nahm, um nach Burgos und von da weiter nach Santiago zu pilgern, und aufgrund dieser historischen Quelle wurde der Weg vor etlichen Jahren offiziell als Jakobsweg markiert.“

Um Fünf öffnet sich die Touristeninformation, und ich lasse mir auf dem Stadtplan den Weg zur Herberge zeigen. Die Altstadt von Cuenca drängt sich pittoresk auf ein Felsplateau zwischen zwei Flusstälern. Ich nehme ein enges Gässchen, über viele Stufen steil nach unten, dann einen schmalen Fußweg zwischen Fluss und senkrecht aufsteigenden Klippen, auf deren Höhe schmale, vielstöckige Häuser in den Himmel ragen, bis an den Rand des Abgrunds gebaut und manchmal noch darüber hinaus.

 

Im Fenster der Herberge hängt ein Zettel mit den Telefonnummern der zuständigen Hospitaleras, und während ich versuche, anzurufen, wird die Tür von innen geöffnet. Eine Pilgerin empfängt mich, Michelle aus Aix-en-Provence. Während sie mir die Räumlichkeiten zeigt, erzählt sie, dass sie seit Alicante unterwegs sei und bisher keinen einzigen Pilger getroffen habe. Nun freut sie sich über Gesellschaft, und ich freue mich auch – sie ist in ähnlichem Alter wie ich, und ich kann französisch mit ihr sprechen.

Bevor ich mich jedoch in dieser sehr gemütlich eingerichteten Herberge häuslich niederlasse, möchte ich noch schnell etwas zu essen besorgen. „Du wirst nicht viel Glück haben“, meint Michelle. „Heute ist Fiesta, alles ist zu“. Tatsächlich. Nur einen winzigen Chinesenladen mit sehr überschaubarem Angebot finde ich und erstehe ein Pfund Aprikosen und eine Tüte abgepackter Tostadas, die gleich im Gehen in meinem hungrigen Bauch verschwinden. Aber was für ein Fest wird heute begangen? „Nuestra Señora de la Luz“, erfahre ich in der Bar, in der ich mir zur Feier des Tages ein Glas Wein genehmige.

Zurück in der Herberge treffe ich Esther und Luis. Die beiden gehören zum Verein der „Amigos del Camino de Santiago de Cuenca“, der sich um die Pilger und die Wegmarkierung in der Provinz Cuenca kümmert. Ich bekomme meinen ersten Stempel, einen Schlüssel und ein paar nützliche Informationen, dann verabschieden sich die beiden. Schnell richte ich mir eines der noch acht freien Betten her und dusche mich, aber länger hält es mich nicht hier drinnen – die Stadt zieht mich mit geradezu magischer Kraft hinaus.

 

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Auf der Brücke über den Rio Júcar drängen sich Menschen, streben auf eine Kirche zu, die Kirche der Patronin der Stadt, Nuestra Señora de la Luz. Die hier verehrte Marienfigur steht hell erleuchtet in einem Blumenmeer, und zwar gleich in doppelter Ausführung: einmal im Hochalter und einmal als geschmückte Prozessionsfigur, um die eine Traube von Gläubigen zum „Besamanto“, zum „Küssen des Umhangs“ ansteht. Ich beschließe, morgen früh noch einmal hierherzukommen und laufe die Hauptgasse hoch in die Altstadt. Bunt gestrichene, eng aneinander geschachtelte Häuser. Schmale, geheimnisvoll wirkende Gässchen. Der Hauptplatz vor der gotischen Kathedrale lockt zum Verweilen, aber ich bin wie elektrisiert, laufe weiter, immer noch höher hinauf, noch enger ziehen sich die Gassen zusammen, die Häuser sind hier grau, noch verwunschener im verblassenden Licht. Dann ein Ausblick hinunter in die Schlucht, tief unten windet sich der Fluss, am oberen Rand der Felsen thront die Stadt wie ein Adlerhorst. Schließlich mache ich kehrt, denn ich möchte unbedingt noch die berühmten „hängenden Häuser“ sehen! Eine eiserne Fußgängerbrücke überspannt den Cañon des Rio Huécar, verbindet die Altstadt mit dem Kloster San Pablo, und da liegt die faszinierende Stadtansicht vor mir, von der es vermutlich Millionen von Fotos gibt – das Licht reicht gerade noch aus, um sie nun selber auf der Speicherkarte festzuhalten.

 

Cuenca kann man eigentlich nicht mit so einem Kurzbesuch abtun. Wie gerne würde ich wenigstens noch einen Tag lang hier bleiben! Aber diesmal ist meine Zeit begrenzt – um bis Burgos zu kommen, brauche ich die 15 Tage, die ich mir dafür freinehmen konnte. Zeitknappheit ist eine ungünstige Voraussetzung auf Pilgerwegen, aber manchmal kann man halt nicht alles haben…

In der Nähe der „Casas Colgadas“ mit ihren ins Nichts hinausragenden Holzbalkonen haben ein paar junge Leute ein weiteres Geheimnis dieser unglaublichen Stadt entdeckt. Da gibt es eine versteckte Spalte im Fels, und wenn man da hineinruft, antwortet von der anderen Talseite herüber ein klares und deutliches Echo. Nachdem die Jugendlichen mithilfe dieses Naturtelefons allerhand Tierlaute über die Schlucht gesandt haben, versuche ich es auch. „Near, far, wherever you are…“ singe ich hinein und schicke das Echo denen, die mir am liebsten und jetzt fern sind…

Michelle schläft schon, als ich gegen elf in die Herberge zurückkomme. Sie ist heute die zweite Nacht hier, hat hier einen Pausentag eingelegt. Für morgen haben wir uns, wenn auch ganz unverbindlich, in Villar de García Domingo verabredet, dort ist die nächste Herberge. So leise wie möglich tappe ich im Dunkeln zu meinem Schlafplatz.

 

 

Die Pilgerherberge „Casa del Peregrino“ befindet sich in der Calle Colón n°6, in einem kleinen Gebäude in der Nähe des „Hospital de Santiago“ (nicht mit diesem verwechseln!). Eine richtige gemütliche Wohnung mit allem, was sich die Pilgerin wünscht. (Küche mit Kühlschrank und Geschirr, warmes Wasser, Bücher und Informationen zum Weg…) Im Fenster neben dem Eingang hängen die Telefonnummern der jeweils zuständigen Hospitaleras.

Die Herberge wird von der „Asociación de Amigos del Camino de Santiago de Cuenca“ zur Verfügung gestellt und betreut und durch DONATIVOS finanziert!

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2 Kommentare zu „Ein Flug, ein Zug und eine unglaubliche Stadt – die Anreise nach Cuenca

  1. Hallo Gertrudis,
    auch ich habe diesen Camino im Kopf. Hatte aber bisher nichts Näheres im Internet gefunden. Mundicamino und Gronze geben nicht viel her. Dann bin ich auf Deine Berichte gestoßen und – ich bin begeistert, auch die Hinweise auf Schlaf- und Versorgungsmöglichkeiten sind hilfreich. Freue mich schon auf die weiteren Berichte. Wunderschöne Fotos! Stramme Leistung! Chapeau! Buen Camino
    Lothar Mönnich

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  2. Hallo Lothar,

    das freut mich, dass Du auch „diesen Camino im Kopf“ hast! Ja, die Infos sind spärlich, und mit Mundicamino kann man sich tatsächlich verlaufen, da werd ich noch öfter drüber berichten 😉
    Die aktuellsten Infos sind diese (extra für Dich schon mal der Link).
    http://www.caminosantiago.org/cpperegrino/caminos/caminover.asp?CaminoId=9
    und: http://www.decuencaasantiago.es/Caminos/

    Bis ich mit dem Aufschreiben fertig bin, wirds noch ein bisschen dauern… (im Winter wär das leichter)

    Gertrudis

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