Rote Erde, roter Mohn. Von Cuenca nach Villar de Domingo García, 1. Tag

 

Freitag, 2. Juni 2017

Der erste Wegweiser nach Santiago, zwischen dem Universitätscampus von Cuenca und einem Lidl-Markt. Hinaus ins Land!

Den Vormittag habe ich noch in der Stadt verbracht. Michelle war ganz leise vor Sonnenaufgang aufgebrochen, ich hatte es nur im Halbschlaf bemerkt. Ich habe noch einmal die „Señora de la Luz“ besucht – eine Art Pilgerstab mit einem Lichtlein trug sie in der Hand, und ich bat sie, auch mir damit zu leuchten auf meinem Weg. Das Blumenmeer, das sie umgab, war aus Plastik – aber es duftete!

Auf halbem Weg hinauf in die obere Stadt habe ich bemerkt, dass meine Tasche mitsamt meinen ganz wichtigen Sachen noch in der Kirchenbank liegen musste… also nochmal den Berg hinunter – so eine dumme Unachtsamkeit war bestimmt vom leeren Magen verschuldet! In einer der Bars an der Plaza Mayor habe ich mir dann die warme Sonne ins Gesicht scheinen lassen und einen Kaffee, ein Hörnchen und die Atmosphäre eines ganz normalen Freitagmorgens genossen, am Nebentisch frühstückten die Männer von der Stadtreinigung, einen Tisch weiter nahmen ein paar laut schwatzende Krankenschwestern in weißen Kitteln Platz, alle wirkten fröhlich und entspannt.

Inzwischen war es halb elf und die Kathedrale offen. Mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung bin ich durch die Eingangspforte getreten. Ein Blick in das gotische Seitenschiff und einer auf das Kassenhäuschen – vier Euro achzig. Muss ich tatsächlich jede Kathedrale gesehen haben? Eine ganze Reihe von Kathedraleninnenräumen flog mir durch den Kopf, und dann habe ich plötzlich einen mächtigen Drang gespürt, auf den Weg zu kommen. Ich habe mich einfach auf der Schwelle umgedreht. Habe die „gesparten“ 4,80 Euro auf die Spende für die Herberge draufgelegt, den Rucksack geschultert und den Schlüssel in den Briefkasten geworfen.

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Und jetzt weist ein an einem massiven Holzpfosten befestigtes Schild den Weg nach Santiago!

Ein Asphaltsträßchen in welliger Kulturlandschaft. Magere Gerste, fast reif. Sommerblumen am Wegrand, ein Sommerstrauß in Gelb, Blau, Rot, Weiß. Gepflügte Erde, rote Erde, roter Mohn. Dörfer, die in der Nachmittagshitze dahindösen, Nohales, Chillarón. Ein Solarpark. Ab und zu ein umzäuntes Gehöft, Ziegen, Hunde, die das Vorüberziehen der Pilgerin mit aufgeregtem Gekläff kommentieren, aber nur ganz selten ein Mensch. Einer hält sein Auto an, winkt mich heran, fragt nach Woher und Wohin, erzählt, dass er zum Verein der Jakobswegfreunde von Cuenca gehöre, dass ich in Villaconejos unbedingt Pépe kennenlernen müsse und dass heute früh schon eine Pilgerin vorbeigekommen sei, „una Francesa“.

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Am Himmel versammeln sich weiße Wölkchen, plustern sich auf, rotten sich zusammen. Trotzdem brennt die Sonne auf meine Arme, und die Fußsohlen brennen in den Stiefeln auf dem heißen Asphalt. Ich bin noch untrainiert, der Hitze und des Pilgerns – oder Wanderns, wie ich vorerst wohl besser sagen sollte – nach zehn sesshaften Monaten ganz entwöhnt. Arcos de la Cantera – ein kleiner Rastplatz mit Bänken im Schatten, Pause. Ist das Dorf verlassen? Oder schläft es nur? (Eine kurze Internet-Recherche vermittelt Eindrücke : Jäger mit erlegtem Wildschwein, und jede Menge Immobilien, die im Ort zum Verkauf stehen. Sonst nichts…) Vier weitere Asphaltkilometer nach Tondos. Ein unangenehmer Gedanke beschäftigt mich: wird das so weitergehen, immer auf Teerstraßen, bis Burgos? In Tondos erwartet mich ein Brunnen, ein starker, frischer Wasserstrahl und zwei große, steinerne Becken. Ich kühle meine Füße darin, eine Wohltat. Ein Mann kommt aus dem Dorf, wir wechseln ein paar Sätze. Er wohnt in Cuenca, aber hier hat er einen kleinen Garten. „Wieviele Einwohner gibt es in Tondos?“ frage ich. Er zuckt die Schultern. „Fünf, sechs…“ Dann hackt er ein paar Meter weiter sein Gemüsebeet, setzt sich auf einen Plastikstuhl im Schatten, raucht eine Zigarette. Ich muss mich nun entscheiden, ob ich meiner Wegbeschreibung folgen und nach Bascuñana de San Pedro weitergehen oder die neue Route nach Villar de Domingo García wählen soll. Mundicamino verspricht einen schönen Weg nach Bascuñana, hinauf in die steinigen, buschbestandenen Hügel, die nach Norden hin aufsteigen, aber dort gibt es nichts. Villar liegt an der Nationalstraße im Tal. Ich zögere. „Höre auf deinen Körper…“, eine oft gelesene Pilgerregel. Mein Körper spricht: Essen. Bett. Und bekräftigt seine Forderung mit einem kleinen Wadenkrampf. Gut – das ist deutlich genug, und außerdem ist Michelle in Villar… Ich klebe Tape auf die verdächtig brennende Stelle am Fußballen und tausche die Stiefel gegen die Sandalen, verlasse Tondos an der alten, trutzigen Kirche vorbei und finde mich auf einem angenehm weichen, sandigen Weg. Eine kleine Sierra wird überquert, weiße Steine, Heideland, Kiefern, Wacholder, und irgendwo blökt und bimmelt es – ja, genau so habe ich mir die „Ruta de la Lana“ vorgestellt! Schafe, Wolle… nun passt alles. Bald darauf trifft der Weg auf die Nationalstraße, und ich werde bald angekommen sein… aber da habe ich mich getäuscht. Noch einmal weist der gelbe Pfeil auf eine abzweigende Pista. Bringt mich in ein Ruinendorf, von einstigen Häusern sind nur Gerippe geblieben und ein Name – Villabilla. Zwei Solarpaneele ragen in den Himmel, der nun düster geworden ist von dräuenden Gewitterwolken, in denen es grummelt und rumpelt und aus denen ein paar dicke Tropfen fallen, die auf der heißen Erde gleich verdunsten. Don Quijote kommt mir in den Sinn, hier bin ich ja noch in La Mancha, dem Land dieses unverbesserlichen Idealisten, dem ich mich in manchen Momenten durchaus nah und verwandt fühle… und diese fremdartig in die menschenleere Landschaft versetzten Gestelle aus Eisen und Glas wären durchaus ein angemessener Ersatz für Windmühlen. Noch 1 Stunde 5 Minuten nach Villar de Domingo García, der Wegweiser weiß es ganz genau. Noch einmal bricht die Abendsonne durch, lässt das Land in unwirklichen Farben erglühen, malt einen Regenbogen in die dunkle Wolkenwand.

In Villar weiß man schon Bescheid: eine „Francesa“ ist in der Herberge, und ich bin wohl die „Alemana“. Die Herberge ist winzig, aber es gibt, was man braucht: drei eng zusammengerückte Betten und eine heiße Dusche. Michelle ist schon vor Stunden angekommen. Bei einem Bocadillo und einem Glas Wein in der Bar beginnen wir, uns kennenzulernen. Sie ist 63, im Ruhestand und, seit sie zum ersten Mal nach Santiago gepilgert ist, jedes Jahr zwei Monate lang auf Caminos unterwegs. Nun führt ihre Route auf die spanischen Wege, die ihr noch fehlen: von Alicante nach Burgos und von da mit dem Bus hinauf nach San Vicente de la Barquera, um auf dem Camino Lebaniego, der Ruta Vadiniense und dem Camino de Invierno Santiago zu erreichen.

Draußen hat der Himmel die Schleusen geöffnet. Gut, heute Nacht ein Dach überm Kopf zu haben!

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Etappenlänge: 28 km

Die kommunale Herberge in Villar de Domingo García wurde 2016 eröffnet. Sie ist in der ehemaligen Schule untergebracht (Calle Escuelas). Im Juni 2017 konnte nur ein kleiner Raum genutzt werden, ein weiterer Raum scheint im Entstehen zu sein. Schlüssel und Stempel gibt´s in der Bar „Goyo“ – falls dort geschlossen ist, fragt der Pilger einfach irgendeinen Passanten, und es wird ihm weitergeholfen. Villar ist ein etwas „größerer“ Ort (ca. 230 Einwohner) mit zwei Bars, Einkaufsmöglichkeit, Apotheke und Bushaltestelle.

Die Wegführung über Villar de Domingo García ist in älteren Wegbeschreibungen noch nicht enthalten. Der originale Wegverlauf führt über Bascuñana de San Pedro, aber auf dieser Strecke scheint es zwischen Chillarón und Torralba keinerlei Unterkunfts- und Verpflegungsmöglichkeit zu geben ( Cuenca – Torralba 37 km). Beide Wegvarianten sind mit gelben Pfeilen markiert.

In Nohales und Chillarón de Cuenca besteht die Möglichkeit, im Hotel zu übernachten.

 

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