Im Land der Bodegas. Von Villar nach Villaconejos, 2. Tag

Samstag, 3. Juni 2017

Ochsenblutfarbene Erde“ – diesen Ausdruck las ich einmal vor langer Zeit bei einem Autor, der über spanische Landschaften schrieb. Damals wusste ich nicht, welche Farbe das Blut von Ochsen hat. Jetzt sehe ich, was gemeint war, satt und feucht umgibt es mich, das Ochsenblutfarbene, und in schweren Klumpen klebt es an meinen Stiefeln. Es regnet.

Nicht, dass es in Strömen gösse – das hat es vor Stunden getan, in aller Herrgottsfrüh, als sich meine Mitpilgerin schon wieder davongeschlichen hat und ich mich angesichts des nassen Rauschens draußen ein Stück tiefer in den Schlafsack verkrochen habe, um abzuwarten, bis die Kaffeemaschine in der Bar in Betrieb genommen würde. Jetzt ist es nur noch ein sanftes Rieseln. Ich stelle zufrieden fest, dass die Regenjacke, die ich einen Tag vor der Abreise zu einem unschlagbar günstigen Preis erworben habe, ihren Zweck untadelig erfüllt, auch wenn ich darin möglicherweise nicht gerade seriös wirke, denn die Jacke ist pink und weiß gepunktet, ein Modell aus der Kinderabteilung… aber nur halb so schwer wie die, die ich zunächst eingepackt hatte! Und diesmal habe ich mir wirklich Mühe gegeben, mein Rucksackgewicht gering zu halten. Einen Gegenstand vermisse ich jetzt allerdings: einen Hufkratzer. Alle paar Meter muss ich mich dieser unfreiwilligen Plateausohlen entledigen… hatte ich mir nicht gestern gewünscht, von den Teerstraßen wegzukommen?

Aber das bisschen Regen schmälert keineswegs das Wandervergnügen. Im Gegenteil – welcher Reichtum an Farben und Formen! Auf den Kuppen sanfter Hügel mischt sich Weißes ins Rot der gepflügten Erde, gelbe Gerstenfelder, darüber das Spiel der dunklen und hellen Wolken, und wieder kann ich mich nicht sattsehen an all den Blumen am Wegrand, leuchtend blauer Lein, Lavendel, die üppigen Polster von gelbem Heiligenkraut, Mohn und so viele bunte Blüten, deren Namen ich nicht kenne. Auf manchen Feldern sprießen kleine grüne Blättchen, ich schaue genauer hin – ja, das werden Sonnenblumen.

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Torralba. Ein Dorf, in dem Menschen leben, sehr freundliche Menschen! Eine Frau kümmert sich um die Dorfkatzen, eine ganze Schar dieser mageren Tiere wartet vor ihrem Haus auf Futter. Eine Bar gibt’s auch, da schlürfe ich Cafe con leche, und ein paar nette Männer kümmern sich um mich, erklären mir den Weg. Als ich aus der Bar hinaustrete, hat der Regen aufgehört, Sonnenstrahlen brechen hervor. Geranien und Rosen schmücken die weiß oder terracottafarben getünchten Häuser. Von der alten Kirche, dem heiligen Domingo von Silos geweiht, ist nur ein Mauerrest übrig, an ihrer Stelle steht ein neu erbautes Gotteshaus mit einem schmalen weißen Turm. Dieser Turm ist es freilich nicht, dem der Ort seinen Namen verdankt – „Torre Alba“ heißt die Burg oben auf dem Hügel, jetzt nur noch eine Ruine. Ich überquere den Fluss und gehe zur Ermita „Santa María de las Nieves“, wie es mir die netten Männer in der Bar beschrieben haben. Vor der Ermita ein gepflegter Garten, aber betreten lässt sich das Kirchlein nicht. Drei zottige Hunde begrüßen mich schwanzwedelnd, aus einem großen Stall in der Nähe tönt Geblöke. Ich suche nach einer Markierung, irre etwas herum, gehe schließlich zurück ins Dorf – erst nach sehr genauem Suchen entdecke ich an einer Baumrinde blasse Spuren eines gelben Pfeils, der nach rechts weist, das Flusstal entlang.

Inzwischen, am frühen Nachmittag, haben sich die Wolken aufgelöst, die Sonne strahlt, der Weg ist wieder trocken. Vom Ufergebüsch herüber begleitet mich ein unermüdliches Zwitschern und Singen, es ist keineswegs still in dieser Einsamkeit! Ein heiser bellendes Geräusch unmittelbar neben mir lässt mich erschrocken zusammenfahren, ein großes, dunkles Tier springt aus den Büschen – nein, kein Hund! Hirsch, Reh, Gams? Ja, ein Rehbock, ein fast schwarzer, unentwegt bellend flieht er in weiten Sätzen den Hang hinauf.

Gegen Drei erreiche ich Albalate de las Nogueras. Schon beim Näherkommen hat das malerische Örtchen auf dem Hügel meine Sympathie erweckt, und ich werde nicht enttäuscht: hier gibt es einen Laden, einen winzigen zwar, aber er ist sogar jetzt, während der Siestazeit, offen, und er enthält alles, was das Pilgerinnenherz begehrt. Obst, Brot, Kekse, Sardinen, Oliven… und ein überraschendes Sortiment an Haushaltsutensilien! Hier finde ich, was ich seit der Ankunft am Flughafen gesucht habe – ein Messer. Ein kleines, feines, billiges Obstmesserchen mit Plastikgriff, der junge Ladenbesitzer wickelt es mir sorgfältig in ein Papier ein, wie ein Geburtstagsgeschenk… Am Dorfplatz sprudelt ein frischer Brunnen, und auf einer schattigen Bank vor der schönen spätromanischen Kirche mache ich mich über die soeben erworbenen Schätze her. Natürlich ist auch diese Kirche geschlossen, ich finde mich allmählich damit ab, dass ich auf diesem Pilgerweg wohl kaum eine Kirche von innen sehen werde. Auf dem großzügigen, ordentlich gepflasterten Platz vor mir sind ein paar Autos geparkt, aber ein Mensch lässt sich nicht sehen. Von einem Balkon herüber mischen sich die exotischen Schreie eines Papageis ins Gezwitscher der allgegenwärtigen Singvögel. Die Rathausuhr gegenüber zeigt fünf nach elf – die Zeit scheint in dieser Gegend stillzustehen. Auch ich lasse mir Zeit, sehe mich im Ort um. Einfache, zum Teil neu verputzte Häuser. Ein Ausblick auf die steil abfallenden Wände einer Sierra, durchbrochen von der Schlucht des Rio Trabaque. Eine kleine Tagesreise weiter in dieser Richtung läge Solán de Cabras, die Quelle, deren Wasser in den schönen blauen Flaschen verkauft wird, von denen ich schon eine ganze Sammlung als Spaniensouvenir nach Hause gebracht habe.

Unten, am Ortsausgang hinter der Brücke, steht ein Mann vor einer Scheune, spricht mich an. „Gehst du nach Villaconejos? Heute ist schon eine Pilgerin da gewesen, mit kurzen dunklen Haaren, eine Französin. Sie ist in Villaconejos. Sechs Kilometer. Ich kann dich im Auto hinfahren, wenn du möchtest…“ Danke, aber das möchte ich nicht. Ob ich aus der Schweiz sei, fragt er mich. Er hat eine Tochter, die lebt in der Schweiz… Und ob ich die „Cuevas del Vino“ gesehen hätte. Ja, die habe ich gesehen, eine Reihe von runden, aus schweren Steinen gemauerten Eingängen. „Diese Bodegas sind sehr alt, schon aus dem Mittelalter, und wir benutzen sie noch immer“. Als ich mich bereits verabschiedet habe und weitergehe, ruft er mich noch einmal zurück – er zeigt mir einen kleinen Blumentopf, eine Pflanze mit einer gelben Blüte. Die hat er heute gekauft, Und die möchte er jetzt in seinen Garten pflanzen…

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Die paar Kilometer bis zu meinem heutigen Ziel, Villaconejos de Trabaque, geht’s im Tal leicht dahin, links der Fluss, rechts zunächst Felsen, von Höhlen durchlöchert, Geier kreisen darüber. Felder, Blumen, dann jenseits des Flusses, auf dem Hügel, das Städtchen Villaconejos, die „Kaninchenstadt“. Als ich gerade die Brücke überqueren möchte, kommt mir Michelle entgegen. „Die Herberge ist gleich da!“ ruft sie mir zu. „Ich dachte mir schon, dass du jetzt irgendwann ankommst – ich habe den Schlüssel.“ Sie öffnet die Tür zu einem hübschen Gebäude, das unmittelbar an die „Ermita de la Concepción“ grenzt. „Das ist ein Luxushotel! Du wirst staunen…“ Wie eine stolze Schlossherrin zeigt sie mir die Räumlichkeiten: „Hier der Salon, da gleich ein Bad. Die Küche – Mikrowelle, Geschirr, alles da. Und oben“ – wir gehen die Treppe hinauf – „ noch ein Bad. Drei Zweibettzimmer, du kannst dir eines aussuchen.“ Einen verglasten Balkon gibt es auch. „Und heute Abend ist Fiesta! Die Amigos del Camino de Santiago laden uns in die Bodega ein, mit Wein und Essen. Wir werden den `Presidente` kennenlernen! Um Acht müssen wir hier sein“. Die Caminofreunde von Cuenca kümmern sich wirklich rührend um ihre Pilger! Für jeden, der in Villaconejos Station macht, kommen sie zusammen, um zu feiern. Das ist freilich nicht jeden Tag der Fall, wie die Eintragungen im Pilgerbuch zeigen.

Villaconejos hat tatsächlich einen Hasen im Wappen, als Mosaik aus farbigen Betonsteinen ziert es das Pflaster eines Platzes unterhalb der barocken Kirche. Während ich durch die Gassen hinaufsteige, erschrecke ich über die vielen verlassenen, einstmals gewiss hübschen und jetzt dem Verfall preisgegebenen Häuser. Im oberen Teil des Ortes scheint überhaupt niemand mehr zu wohnen, nur noch Ruinen, in den Höfen wuchert Kraut und Gestrüpp, alte Gartenstühle, nicht mehr Gebrauchtes, Müll rostet und rottet achtlos liegengelassen vor sich hin. Ein Jammer… aber die Bewohner, die, die nicht von hier weggegangen sind in die Stadt, auf der Suche nach Arbeit und Auskommen, scheinen sich daran gewöhnt zu haben, haben sich im unteren, flachen Teil des Dorfes neue Häuser in teilweise etwas fragwürdigem Stil gebaut. Nun stehe ich ganz oben auf dem Hügel, den eine Jesusfigur und zwei Antennenmasten krönen, und genieße die weite Aussicht. Jenseits des Flusses die Sierra, im Felsen die Eingänge zu den „Cuevas“, den Weinkellern, eine beachtliche Anzahl, auch kleine, davorgebaute Häuschen und Lauben, ein Gegendorf sozusagen, für Feiern und Geselligkeit. Albalate erkenne ich und den Weg, den ich zuletzt zurückgelegt habe. Nach der anderen Seite flaches Land, Felder.

Zurück in der Herberge. Michelle erzählt, dass sie einige Extra-Kilometer auf einem falschen Weg gelaufen sei – in Torralba, hinter der Ermita…“Ich werde den Amigos del Camino sagen, dass der Pfeil erneuert werden muss!“  Um halb neun fährt ein Auto vor, es sind Esther und Luis aus Cuenca, die wir schon kennen. Dann kommen Pepe und seine Frau Ana. Pepe, genannt Pepe Villaconejos, ist der Vorsitzende des Jakobsvereins, sprühend vor Energie und Fröhlichkeit, einer, der im Mittelpunkt steht. Er stempelt mir den Pilgerausweis und malt das Datum in römischen Ziffern daneben. Ein weiterer Freund trudelt ein, und dann schlendern wir gemeinsam hinüber zu den Bodegas. Von einem Keller ist zunächst nichts zu sehen. Eine einfache, gemauerte Hütte mit einem großen Tisch, offenem Kamin, Küchengerät – und zwei mannshohen, bauchigen, tönernen Weinkrügen. Stühle werden an den Tisch gerückt, Ana, die noch nicht viel gesprochen hat, zerkleinert trockene Äste, schichtet sie im Kamin auf, putzt grüne Spargelstangen. Pepe entfacht das Feuer, Chips und Chorizo werden auf den Tisch gestellt. Einer fehlt noch – Antonio, El Fotografo. Da kommt er auch schon, baut sein Stativ auf, schraubt seine professionelle Kamera zusammen – jetzt kann´s losgehen! Was? Pepe tut geheimnisvoll. Er holt ein Öllicht und einen Weinkrug und ruft Michelle und mich zu sich. „Michelle, heute bist du die Meisterin des Lichts!“ Er überreicht ihr die vorsintflutliche Lampe. „Und Gertrudis ist die Meisterin des Kruges!“ Ich bekomme einen irdenen Krug, und dann erlischt die elektrische Beleuchtung. Im Dunkeln wird ein Vorhang zur Seite geschoben, und nur Michelles schwache Funzel und die Blitze aus Antonios Kamera leuchten der Prozession, die nun witzelnd und kichernd ins Heiligtum hinabschreitet, in die uralte, in den Berg geschlagene Höhle, die Cueva del Vino. Pepe erklärt, wie hier jahrhundertelang das berauschende Getränk hergestellt wurde: durch ein Loch schüttete man die Trauben in die auf den Boden gemauerte Wanne, ungefähr zwei mal zwei Meter ist sie groß, in der sie mit den Füßen zerstampft wurden. Über eine Rinne gelangte der Saft in die enormen Tongefäße, um bei gleichmäßig kühler Temperatur zu vergären. Auch hier unten steht solch ein archaisches Fass, mit einem Zapfhahn am unteren Ende, an dem ich nun meine Aufgabe erfüllen darf. Langsam rinnt der dunkle Strahl in den Krug… Das Ritual ist vollbracht, eine Glühbirne holt uns in die Gegenwart zurück. Nun wird am Tisch angestoßen, der Wein probiert und ausgiebig gelobt, und dann wird gebrutzelt und gegessen. Pepe, der Grill- und Zeremonienmeister, brät überm offenen Feuer eine Spargeltortilla, segnet das runde Brot, indem er mit dem Messer ein Kreuz hineinritzt, und alle essen aus der gleichen großen Pfanne. Dann kommen Würste auf den Rost, Speck, der Weinkrug leert sich, und jeder hat eine Pilgergeschichte zu erzählen… Auch an die Pilger, die in diesem Jahr schon hier waren, wird gedacht, hier wird man nicht so schnell vergessen. Gegen Mitternacht, nachdem plötzlich noch eine Schachtel voller süßer, bunter Gebäcke zum „Postre“ aufgetaucht war, werden die Pilgerinnen noch einmal besonders geehrt: wir bekommen einen Muschelanhänger um den Hals und einen gelben Pfeil an die Jacke! Ein paar Fleißige haben inzwischen schon das Geschirr gespült. „Gehen wir noch was trinken, einen Kaffee… in die „Discoteka“! Eigentlich fände ich ja jetzt mein Bett nicht schlecht… aber dann sitze ich auch in irgendeinem Auto, finde mich an einer Theke bei lauter Musik vor einer in farbigen Lichtern flimmernden Tanzfläche, auf der niemand tanzt, schlürfe einen Ananassaft, rede mit Ana und Esther… Irgendjemand hat schon alles bezahlt. Luis und Esther bringen Michelle und mich in die Herberge. Es ist halb zwei.

Ich öffne das Fenster. In der Stille der Nacht singt ein Vogel, nicht endenwollende, immer neue Melodien. Die Nachtigall singt mich in den Schlaf.

Etappenlänge: 21 km

Die Gemeindeherberge „Casa del Santero“ in Villaconejos de Trabaque liegt unmittelbar neben der „Ermita de la Inmaculada Concepcion“. Für den Schlüssel: Tel. 969 315522

Kosten: Spende

Pepe („Pepe Villaconejos“) ist für die Pilger da, wann immer er kann – seine Nummer: 646128868.

Übrigens: Alle Personen, die in diesem Blog mit richtigem Namen und/oder Fotos vorgestellt werden, haben mir dazu ihre ausdrückliche Zustimmung erteilt!

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