Pfingststurm. Von Villaconejos nach Salmerón, 3. Tag

Sonntag, 4. Juni 2017

Nach fünfeinhalb Stunden Schlaf fällt das Aufstehen heute besonders schwer. Die erste Ortschaft, in der ich vielleicht auf einen Kaffee hoffen kann, ist sechzehneinhalb Kilometer entfernt, und bis Salmerón, dem heutigen Ziel, sind´s immerhin gute 28 Kilometer. Heute ist Pfingstsonntag, die Dorfbewohner träumen bestimmt noch alle in ihren Betten! Nur Michelles Bett ist schon wieder leer, erstaunlich, welche Energie diese Frau hat – aber offenbar ist sie eine Lerche, und ich bin eben eine Eule.

So überquere ich etwas misslaunig die Brücke, folge bei einem in einer Hausecke eingelassenen Bildstock mit dem heiligen Rochus dem Pfeil nach rechts und trotte zwischen Feldern dahin, bis der Weg nach einer ganzen Weile an eine Querstraße stößt… wohin nun? Keine Markierung weit und breit. Dabei bin ich ganz brav meiner spanischen Beschreibung von Mundicamino gefolgt! Ja, ich muss wohl irgendwie wieder an den Fluss, der ist rechts, und tatsächlich treffe ich dort auf einen markierten Weg. Zum ersten Mal – und das wird noch öfter passieren – hat mich Mundicamino an der Nase herumgeführt, die Wegführung stimmt nämlich nicht mit der der Jakobsfreunde von Cuenca überein, und ich bin einen Umweg gelaufen, wenn auch nur einen kleinen.

Es zieht sich. Ein Stückchen an der Straße entlang, auf eine Hochebene hinauf, zwischen Feldern dahin… heute sind die Kilometer besonders zäh! Gerste, Hafer, Brachland. Disteln und Gestrüpp am Wegrand, wo sind die bunten Blumen geblieben? Wölkchen am Himmel. Vögel. Ein Reh. Umgeben von steinigen, mit spärlichen Büschen bewachsenen Tafelbergen fühle ich mich wie auf einen andern Stern versetzt, als einziger Mensch, herausgeschnitten aus der Welt…

Nach vielleicht 12, 13 einsamen Kilometern, die mir wie eine Ewigkeit vorgekommen sind, stoße ich an den Rand eines tief eingeschnittenen Tales, blicke auf Baumwipfel, sehe den Fluss aufblitzen, den Rio Guadiela. Ein Orchester aus Vogelstimmen – ein Solist übertönt das Ganze mit laut pfeifenden Tönen, wie ich sie bei uns zu Hause noch nie gehört habe. Eine Brücke da unten, über die geht’s hinüber. Und auf der Brücke – ein Mensch! Ein Angler, nein, zwei, da drüben im Gebüsch schleicht noch einer herum. Eine weit ausholende Serpentine führt hinunter, das klare Wasser plätschert verlockend über bemooste Steine, und ich bekomme unbändige Lust, da hineinzutauchen, die lästige Müdigkeit abzuspülen… aber gerade, als ich an der Brücke ankomme, fährt drüben ein Auto herunter. Seit Stunden war ich völlig allein, und ausgerechnet jetzt bin ich von fünf Männern umgeben! Unter diesen Umständen verzichte ich auf das Vollbad und begnüge mich damit, an einer etwas abgelegenen Stelle meine Füße ins Wasser zu hängen. Ohnehin ist es bereits Mittag, und der leere Magen schreit nach Nahrung. Was hat mein Rucksack an Vorräten zu bieten? Sardinen in Tomatensoße, aus dem Laden von Albalate. Die Angler da drüben fangen sie, die Fische, und ich schabe sie mit dem Plastiklöffel aus der Büchse…

Merkwürdig an diesem Flussübergang ist, dass trotz der Brücke ein Teil des Wassers über die Straße fließt und durchwatet werden muss. Während ich drüben meine Sachen im Rucksack verstaue und die Schuhe wieder anziehe, fährt einer der Angler mit dem Auto davon. Zu dumm, das wäre eine willkommene Mitfahrgelegenheit gewesen! Die habe ich nun verpasst. Also stapfe ich zu Fuß den steilen Uferhang hinauf. Weit kann es ja jetzt nicht mehr sein in den ersehnten Ort Albendea, und auf den letzten Kilometern dorthin, auf der Landstraße, malt sich meine Phantasie ein buntes, schnuckeliges Traumstädtchen aus, in dem es Leute und Leben gibt und vor allem eines: Kaffee! Dann liegt es vor mir, dieses Albendea. Aber – o je! Nichts als eine Handvoll verlorener Häuser und Scheunen – soll ich mir überhaupt die Mühe machen, die paar hundert Meter dort hinüber zu gehen? Ich entschließe mich, es zu tun, zum Glück. Von irgendwoher klingen Stimmen, locken mich zum Dorfplatz, und da gibt es – kaum zu glauben! – eine geöffnete Konditorei, und Milchkaffee! Ich bin wieder in der Welt… Ja, der Weg bis hierher war heute tatsächlich eine kleine Herausforderung. Normalerweise sind doch sechzehn oder siebzehn Kilometer keine Entfernung für mich… ob wohl der Wein aus Pepes Bodega verhext war? Oder liegt es einfach daran, dass heute mein dritter Wandertag ist? Am dritten Tag „läuft es“ bei mir immer ein bisschen mühsam. Während die heiße, schaumgekrönte Pilgerlabsal ein wohliges Gefühl in meinem Leib verbreitet, beobachte ich zwei Kinder, die voll Eifer bei der Arbeit sind. Ein Junge, vielleicht fünf Jahre alt, schrubbt mithilfe einer Zahnbürste und einer Sprühflasche den Sand zwischen den Pflastersteinen heraus, und seine noch kleinere Schwester poliert mit einem nassen Lappen einen Baumstamm. Die Großmutter sitzt daneben auf der Bank und schimpft unaufhörlich. „Hör auf jetzt! Du machst dich ganz nass!“ Der Bub lacht, rennt ins Haus, kommt mit der frischgefüllten Flasche zurück, macht sich weiter an sein Werk, und auch das Mädchen zeigt sich völlig unbeeindruckt von den Erziehungsversuchen der Oma. Ich verwickle die Oma in eine Unterhaltung, und sie überlegt, mich nach Salmerón zu fahren – einen Augenblick lang erscheint mir diese Idee sehr verlockend, aber dann lehne ich das großzügige Angebot ab.

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Inzwischen ist ein kräftiger Wind aufgekommen, lässt lose Blätter tanzen. Ich schultere den Rucksack – und genau in dem Moment knattert ein Motorroller auf den Platz, hält vor mir an, und der Mann darauf grinst von einem Ohr zum andern – Pepe! „Gertrudis! Wie geht’s?“ „Oh, jetzt geht’s mir besser.“ Er lacht. „Du hast noch sechs Kilometer nach Valdeolivas, und sechs nach Salmeron“. Noch sechs bis Valdeolivas? In meiner Beschreibung steht vier… „Vier stimmt leider nicht. – Und wohin möchtest du morgen?“ „Nach Viana.“ „ Hm. In Viana ist eine gute Herberge, aber sonst gibt es dort nichts. Gar nichts. Nichts zu essen… aber – ich wollte schon lang einmal die Tetas de Viana besteigen, mit einem Freund. Das sind zwei „Mesetas“, Tafelberge, auf den einen kann man über eine Eisenleiter hinaufklettern. Wir könnten morgen nach Viana kommen und Essen mitbringen, was hältst du davon? Die Michelle hat meine Nummer, sie soll mich anrufen, ob`s klappt!“ Ach, dieser Pepe hat wirklich ein großes Herz für die Pilger! Wir verabschieden uns mit einem dicken „abrazo“ und ich mache mich, nun deutlich beschwingter als heute Morgen, wieder auf den Weg.

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Nun geht’s auf der Straße nach Valdeolivas. Prompt wachsen überall Olivenbäume. Der Wind ist noch stärker geworden, und am Himmel ballen sich dicke, düstere Wolken zu einer bedrohlichen Wand zusammen. Wenn das kein Gewitter gibt! Ich schreite zügig aus, um den Ort zu erreichen, bevor es losgeht, aber als sich nach einer Kurve unvermittelt der Blick auf Valdeolivas auftut, bleibe ich wie angewurzelt stehen ob dieser dramatischen Kulisse – vor dem dunkelpetrolfarbnen Himmel klammern sich blendend hell beleuchtete Häuser an den Hügel, eng zusammengerückt um den erhabenen, dreistöckig von doppelten Bogenfenstern durchbrochenen Turm, und darüber das Wirbeln und Brodeln grauer Wolkenfetzen! Ein paar Fotos, soviel Zeit muss sein, dann aber nichts wie weiter, schon wird der Wind zum Sturm, beginnt zu heulen, jetzt renne ich fast, erreiche die Häuser, als erste dicke Tropfen auf die Straße klatschen, flüchte mich zur Kirche, finde Schutz unter einem Vordach vorm Seitenportal. Keine Minute zu früh! Denn jetzt bricht die Naturgewalt ungehindert los. Ein Brausen und Sausen, Blitz und Donner, das Wasser kommt nicht mehr in Tropfen, sondern in Strömen, als würde ein ganzer See auf einmal ausgeschüttet, fließt in Sturzbächen über den Platz, der Sturm fegt es durch die Mauerbögen in mein Refugium herein – passt das nicht irgendwie, heute, ein gewaltiger Pfingssturm? Ich drücke mich in eine gerade noch geschützte Ecke, ziehe die Kapuze der gerade noch erhaschten Regenjacke übern Kopf… aber es kommt noch wilder! Jetzt prasselt es, ein ohrenbetäubender Krach, haselnussgroße Hagelkörner trommeln aufs Dach meines Unterstands, reißen Fetzen von Blättern von den Bäumen, hüpfen beim Aufprall, sammeln sich in eisigen Haufen… sehr selten erst habe ich ein Gewitter dieses Ausmaßes so unmittelbar und hautnah erlebt. Es fasziniert und erregt mich, und gleichzeitig ist mir bewusst, welches Glück ich wieder einmal gehabt habe. Auf freiem Feld von so einem Wetter überrascht zu werden – das wünsche ich wirklich niemandem! Ein inniger Dank an die unsichtbaren Beschützer…

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Nach weniger als einer halben Stunde ist das Inferno vorbei. Es regnet nur noch leicht, aber überall gurgelt es, Bäche sprudeln die Straßen hinunter. Ein Mann kehrt den dicken Haufen aus Eiskörnern vor seiner Tür weg, zeigt mir den Weg zum Hauptplatz. Dort gibt es eine Bar, und die ist gesteckt voll. Die ganze Einwohnerschaft von Valdeolivas scheint hier Unterschlupf gesucht zu haben! Ein Riesenlärm, alle reden durcheinander, dazu dudelt der Fernseher. Ich verstaue den Rücksack in einer Ecke. Jemand fasst mich an der Schulter, ruft meinen Namen. Der Jemand ist – Pepe, schon wieder! „Ana ist auch da. Ich habe sie angerufen, dass sie mit dem Auto kommt, wir fahren dich nach Salmerón. Der Weg dorthin ist sehr, sehr schlecht nach diesem Unwetter!“ Da kann ich ja nun nicht widersprechen. Ich bekomme noch einen Kaffee, quetsche mich neben Ana an die Theke, Pepe ist schon wieder im Mittelpunkt, redet, scherzt mit Jedem. „Er kennt wohl alle Leute“, sage ich zu Ana, „und du?“ „Ich bin nicht so, ich kenne nicht so viele. Aber er mag das, überall ist er dabei…“ Anas Platz ist wohl eher das Familienleben, schon sind wir von mehreren hübsch zurechtgemachten jungen Damen umgeben – „meine Nichten!“ Sie interessieren sich für meinen Weg, wir plaudern, bis Pepe sich schließlich losreißt und uns zum Auto treibt. „Wir fahren den Camino!“ Er lenkt den Wagen auf eine holprige Pista, durch tiefe Pfützen und braunen Schlamm. Die Brühe füllt den Straßengraben, ergießt sich an vielen Stellen über den Weg, spritzt hoch auf beim Durchfahren. Ein paarmal steigt Ana aus und räumt große, abgerissene Äste aus der Fahrbahn. Irgendwo überqueren wir die Provinzgrenze, Salmerón gehört bereits zur Provinz Guadalajara, aber das bemerke ich erst später. Dann ist das Dorf erreicht, Pepe fährt eine enge Gasse hoch, hält vor einem alten, palastähnlichen Gebäude an. „Da ist sie, die Herberge!“ Wir steigen alle drei aus, das Auto bleibt mit laufendem Motor mitten auf der Straße stehen. Durch die Holztür des alten, steinernen Portals treten wir in ein großzügiges Treppenhaus, schreiten die Stufen in den ersten Stock des ehrwürdigen, wunderschön renovierten Gebäudes hinauf. „Das ist ganz neu gemacht“, erklärt Pepe, „vor eineinhalb Jahren eröffnet.“ Ein hoher Raum, historische Holzdecke, Bücherregale. Ein Sitzplatz, Mikrowelle und, etwas abgetrennt, vier Betten nebeneinander – da begrüßt uns Michelle, wir haben sie anscheinend aus ihrem Siestaschläfchen geweckt. Nun wird noch eine Weile geplaudert, Pepe erinnert nochmal an seine Idee mit dem Essen morgen in Viana… das Auto draußen scheint niemanden zu stören.

Auch Michelle ist vom Unwetter verschont geblieben, sie war schon frühzeitig in Salmerón. Ich genieße die Annehmlichkeiten des geschmackvoll eingerichteten Bades (nun ja, das Wasser versickert nur tropfenweise im Abfluss der Duschwanne, aber auf der Ruta de la Lana scheinen Sanitäranlagen, bei denen alles reibungslos funktioniert, eher ein Glücksfall zu sein. Gestern und vorgestern war es die WC-Spülung, die jeweils einer besonderen Behandlung bedurfte…), und dann machen wir uns zu einer „Stadtbesichtigung“ auf. Sehr viel gibt es nicht zu sehen. Wie die meisten Ortschaften in dieser Gegend ist auch Salmerón weitgehend verlassen. Den Dorfplatz umschließen Arkaden und die behäbige, in den meisten Teilen gotische Kirche mit dem kurzen, stumpfen Turm. Leben würde man sich wünschen auf diesem hübschen Platz, Tische und Stühle, Stimmen, Lachen, spielende Kinder, klingende Weingläser und den Duft von Essen… stattdessen blättert überall die Farbe, bröckelt der Putz. Das andere bedeutende Gebäude in Salmeron ist jener Palacio, in dem nun die Herberge untergebracht ist. Als Gefängnis der Inquisition hat er gedient, als Gerichtsgebäude, Rathaus und Schulhaus. Unser Rundgang endet also recht schnell in der Bar, einem Raum mit niedrigen Gewölben. Da sind die Männer versammelt, alle schauen sie gebannt nach vorn, auf den Bildschirm des Fernsehers, und da läuft – Stierkampf. Auch Michelle und ich schauen gebannt auf Bildschirme, viel kleinere freilich, unsere Handys. Diese Bar hat nämlich etwas ausgesprochen Rares zu bieten – Wifi! Fast vergesse ich, von meinem Bocadillo abzubeißen. Alle beide tippen wir wie wild auf unseren Displays herum, irgendwann schaut Michelle mich an und bemerkt: „Uff, quel travail!“ Wir lachen. Ja, wir geben das Idealbild jener kommunikationsgestörten modernen Pilgergeneration ab, welche, die Gemeinschaft verachtend, nichts als ihr Smartphone im Sinn hat! Irgendwann ist, zum Glück, die „Arbeit“ zu Ende gebracht, alle Lieben zu Hause über das Wichtigste informiert, und wir können in Ruhe unsere Wein- und Biergläser austrinken.

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Draußen haben sich die Regenwolken verzogen. Die Sonne schickt noch einmal warme Strahlen durch die blaue Luft, und der Pfingstsonntag verabschiedet sich mit einem leuchtenden Abendrot.

 

Etappenlänge: ca. 28 km

Sehr schöne, 2015 eröffnete Herberge in einem historischen Palacio.

In Salmerón gibt es zwei Bars, auf der Suche nach dem Schlüssel für die Herberge am besten dort fragen. Den Pilgerstempel gibt´s in der Bar „El Cazador“.

 

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