Stacheldraht und Gastfreundschaft. Von Salmerón nach Viana de Mondéjar, 4. Tag

Montag, 5. Juni 2017

Obwohl Salmerón – laut Wikipedia – gerade mal 170 Einwohner hat und höchstwahrscheinlich nur ein Teil dieser Einwohner tatsächlich das ganze Jahr über hier lebt, können offenbar zwei Bars nebeneinander existieren. Sie haben sich mit ihren Öffnungszeiten arrangiert. Nun sitze ich in der zweiten Bar, „El Cazador“, beim Frühstück.

Vor dem Wirt dieser Bar hatten mich sowohl Pepe als auch Michelle „gewarnt“, so dass ich schon sehr neugierig war, ihn kennenzulernen. Nun, er ist ein älterer Herr und sehr einsilbig. Anstatt zu sprechen, brummt oder deutet er. Als ich ihn bitte, meinen Pilgerausweis zu stempeln, brummt er, aber das eine Wort für den Betrag, den ich für den Kaffee und das Croissant zu zahlen habe, kann er dann doch aussprechen… Ich finde nicht, dass er so unfreundlich ist, wie man ihm nachsagt, er ist einfach ein bisschen verschroben. Auch ich bin an diesem Morgen nicht sehr an Kommunikation interessiert. Meine Aufmerksamkeit gilt dem Fernseher: die Regionalnachrichten befassen sich mit dem gestrigen Unwetter. Bilder von überschwemmten Straßen, umgestürzten Bäumen, Haufen aus Hagelkörnern. Anscheinend war ein größeres Gebiet betroffen. – Der nächste Beitrag ist nicht weniger aufschlussreich, es geht um die „Trashumancia“, die Wanderung der Schafherden auf die Sommerweiden. Der Bildschirm zeigt eine breite Straße in einer Großstadt, gedrängt voll von Schafen und Schaulustigen, Leute in bunten Trachten, Kastagnetten und Tamburine, Fiesta… dann: ein riesiger, mehrstöckiger Viehtransporter fährt mit den Schafen davon. Die Transhumanz, die früher mehrere Wochen gedauert hat, ist nun in wenigen Stunden erledigt. Schließlich kommt ein Vertreter einer ökologischen Bewegung zu Wort, er bedauert die Folgen dieser modernen Praxis, denn durch die Verbuschung nicht mehr beweideter Landschaften verschwinden spezielle Pflanzen- und damit auch Tierarten… Die „Ruta de la Lana“ war jahrhundertelang ein bedeutender Weg der Transhumanz. Jetzt erinnert nur noch ihr Name daran.

 

Während ich Salmerón verlasse, mache ich mich auf einen steilen, langen und beschwerlichen Aufstieg gefasst, denn einen solchen kündigt meine Wegbeschreibung an. Es wird aber längst nicht so wild. Eine lehmige Piste zieht sich in einigen Serpentinen den mit Kiefern und Wacholder bewachsenen Hang auf die Höhe der Meseta hinauf. Große Pfützen, Schlamm und weggespülte Erde erinnern noch an das Wetter von gestern, aber heute hat die Sonne den blauen Himmel zurückerobert. An einen Stein gemalt weist ein auffällig großer gelber Pfeil mitten in die struppigen, dornigen Büsche hinein, und folgsam beginne ich sofort, mich da hindurchzukämpfen… bis ich einsehe, dass der Pfeil mich zum Narren gehalten hat. Tatsächlich, die Abbiegung, die gemeint war, kommt erst fünfzig Meter weiter und ist zudem mit einem hübschen Wegweiser in Form eines Santiagoritter-Kreuzes gekennzeichnet, ein kleines Camino-Kunstwerk, das zu einem Fotostopp verlockt. Nach ungefähr einer Stunde ist die Hochebene erreicht und es geht eben dahin. Steineichen, Kiefern, Wacholder, Stachelgebüsch. Vogelgesang. Ein verfallenes Anwesen, nur noch Mauerreste aus weißen Steinen, wie ausgebleichte Knochen, denen nichts des einstmals Lebendigen mehr anhaftet. Üppig blühende Zistrosensträucher, emsiges Bienengesumm. Gerader Weg, Erde, Sand. An einer Gabelung ist der Pfeil nach links durchgestrichen, ein neuer Pfeil weist nach rechts. Ich komme an einem Gehöft vorbei, hinter dem Zaun weiden schöne Pferde, ganz zutraulich kommen sie herangetrabt und lassen sich die weichen Nüstern streicheln. Gepflügte Felder, aber es ist ein hartes Brot, das hier wächst – die Äcker scheinen mehr aus Steinen als aus Erde zu bestehen.

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Eigentlich müsste ich längst in Villaescusa sein. Es ist halb eins. Auch, wenn ich manchmal stehen geblieben bin und kurze Pausen gemacht habe – ich habe ganz bestimmt schon mehr Kilometer hinter mir als die sieben, die meine Wegbeschreibung angibt! Dass es Mundicamino mit den Entfernungen nicht so ganz genau nimmt, habe ich ja inzwischen mitbekommen, aber das hier ist schon merkwürdig. Wären da nicht überall die gelben Pfeile… Mir fällt die Informationstafel ein, die ich gestern in Salmerón nur schnell abfotografiert, aber nicht gelesen habe. Das hole ich nun nach, und das Rätsel klärt sich auf: der Ort Villaescusa ist jetzt, samt Kirche und Brunnen, in privatem Besitz und muss, um „Probleme mit dem Eigentümer zu vermeiden“, weiträumig umgangen werden. Sehr weiträumig, fünfeinhalb Kilometer ist der Weg dadurch länger. Da ist auch schon ein Zaun, ein hoher, am oberen Ende mit Stacheldraht gesicherter Drahtzaun, geschmückt mit immer wiederkehrenden Schildern, die darauf hinweisen, dass der Zutritt verboten und die Jagd privat ist. Der Weg hier ist ganz neu angelegt, grob aufgeschüttet, enorme Maschinen müssen da zum Einsatz gekommen sein. Nun auch Zaun auf der anderen Seite der Piste. Etliche Kilometer lang. Überdimensionale eiserne Tore verriegeln die Zufahrten zu den Wiesen und Äckern, und dann ist da sogar noch zusätzlich ein elektrischer Draht gespannt – für den Strom sorgt ein eigens aufgestelltes Solarpaneel… Was mag die Herrschaften Großgrundbesitzer bewogen haben, ihre Ländereien derart abzusichern? Angst, dass jemand ins private Jagdgebiet eindringen könnte? Oder ein Reh herausschlüpfen? Ja, die Wiesen hinterm Zaun sind saftig, der Weizen üppig und das Rindvieh auf einer Weide wohlgenährt und kräftig. Aber wären sie das nicht auch ohne diese geradezu aggressive Art der Abgrenzung… Einmal erhasche ich einen Blick auf Villaescusa. In der Ferne liegt es in einer sanften Mulde, ein begnadeter Platz, den Pilgern nun verwehrt. Ein Hubschrauber knattert durch die Luft, Señor Latifundista fliegt wohl aus. Endlich ist das Ende der Hochebene und damit des Zaunwahns in Sicht. Aber bevor der Weg – die alte, originale Pilgerroute ist inzwischen wieder erreicht – in den Wald hinunterführt, gibt es noch einen besonderen Höhepunkt der Zaunbaukunst zu bestaunen. Da steht eine Informationstafel, mit Karte und Wissenswertem zum weiteren Wegverlauf, und davor sind vier Reihen Stacheldraht – wohlgemerkt, extra Stacheldraht anstatt des sonst verwendeten Maschendrahts – so nah angebracht, dass es für ein dreidimensionales Wesen absolut unmöglich ist, vor der Tafel zu stehen und diese zu lesen. Hier wird offenbar ein Krieg ausgetragen zwischen dem Eigentümer der Finca und – ja, und wem? Da kann ich nur mutmaßen… Die Informationstafel mit den geschmiedeten Ornamenten an dem massiven Metallrahmen ist ebenso wie die aufwändig gemachten, komfortablen Wegweiser mit genauen Entfernungsangaben ein „Geschenk“ der Gemeinde Trillo. Beziehungsweise: der EU, nämlich bezahlt aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, wie ganz klein am unteren Rand vermerkt ist. Diese teuren Tafeln für die paar Pilger, das ist natürlich ziemlich überdimensioniert. Vielleicht hat da jemand kein Verständnis für die Verteilung von Subventionen und fühlt sich auf den Schlips getreten… wer weiß. (Bei Recherchen im Internet, zu Hause, stoße ich dann auf Anderes, ziemlich Haarsträubendes, ein Link dazu am Ende dieses Kapitels…)

 

Von hier aus kann man zum ersten Mal die „Tetas de Viana“ bewundern, die beiden runden Tafelberge, von denen Pepe erzählt hat. Pepe wird allerdings heute doch nicht nach Viana kommen, das hat mir die Michelle in einer SMS mitgeteilt. Michelle übernachtet heute in Trillo, aber mich reizt die als „exzellent“ angepriesene Herberge von Viana. Sechs oder sieben Kilometer sind´s noch bis dorthin, und es geht ins Tal hinunter, auf einem relativ steilen und steinigen, aber angenehmen Waldweg, und dann auf einem reizvollen Pfad über einen kleinen Pass – mit Premium-Aussicht auf die „Tetas“.

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Viana de Mondéjar ist schnell erreicht. Es liegt am Hang in bezaubernder Berglandschaft. Ein kleiner, durchaus leidlich instand gehaltener Ort, aber die Jalousien an den Häusern sind herabgelassen, niemand ist zu sehen oder zu hören. Ich finde ein Centro Sociál, das Rathaus mit der wie üblich stehengebliebenen Uhr, eine Bar – aber alles ist verschlossen. Wo mag die Herberge sein? Ich lasse mich auf einer Bank vor der hübschen romanischen Kirche nieder und warte. Ein kleiner Park ist da, mit Bäumen, die angenehmen Schatten spenden, und mit duftenden roten Rosen. Überrascht stelle ich fest, dass man hier freies Wifi hat! Da ist schnell eine Stunde vergangen… kommt denn niemand auf die Straße? Doch, da ist ein Mann. Eiligen Schritts nähert er sich dem Kirchenportal, schießt zwei Fotos, dreht sich um und ist schon wieder weg. Ein Tourist… Wieder Stille. Die Siestazeit müsste doch jetzt vorüber sein! Noch einmal besuche ich die „Plaza“, aber alles ist unverändert ausgestorben, und ich beschließe, doch noch nach Trillo weiterzugehen. Die Sonne brennt nun nicht mehr so arg, das Licht ist sanfter geworden, in Trillo werde ich Michelle treffen und etwas zu essen wird es dort auch geben…

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Ankunft in Viana de Mondéjar

 

Und dann ist da doch jemand in Viana. In einer Seitengasse sitzt eine Frau auf der Steinstufe vor ihren Haus. Ohne zu zögern laufe ich zu ihr hin, immerhin war mir an diesem Tag, abgesehen von dem wortkargen Wirt heute Morgen und dem phantomartigen Touristen vorhin, noch keine Begegnung mit einem menschlichen Wesen vergönnt! Sie ist mit dem Lackieren ihrer Zehennägel beschäftigt und erschrickt ein bisschen, als ich sie anspreche. „Wie schön, hier jemanden zu treffen! Bist du denn der einzige Mensch in diesem Dorf?“ „Während der Woche sind alle weg. Ich wohne hier mit meinem Mann, der ist jetzt in der Arbeit, er ist `Constructor` auf der Baustelle. Und da unten, ein paar Häuser weiter, wohnt auch noch jemand, aber der ist zur Zeit nicht da. – Woher kommst du?“ Ich erzähle von meiner Wanderung, und als ich sie nach der Herberge frage, begleitet sie mich gleich dorthin, ans untere Ende des Dorfes. Tatsächlich, da hängt ein Zettel mit Telefonnummern an der Tür, und schneller als ich widersprechen kann, hat Roxana, meine neue Bekannte, ihr Handy gezückt und ruft den zuständigen Gemeindearbeiter an. So laut, als müsse sie die Entfernung mit der Stimme überbrücken, erklärt sie ihm, dass eine Pilgerin in der Herberge schlafen wolle, und schnell ist alles geregelt. „Er kommt aus Trillo und sperrt auf. Aber es dauert noch ungefähr eine Stunde, weil er gerade etwas anderes zu tun hat“. Etwas peinlich ist es mir schon, dass ich jetzt solche Umstände mache! Ich hätte ja wirklich noch leicht nach Trillo gehen können. Aber Roxana sieht das gelassen: „Das ist seine Arbeit, er wird dafür bezahlt.“ Ich wundere mich, dass es in diesem menschenleeren Dorf so eine schöne, neue Herberge gibt, und Roxana erklärt: „Das hat der Reaktor in Trillo bezahlt. Da fließt Geld. Wir bekommen das Wasser umsonst, und bis vor kurzem war auch der Strom kostenlos, aber jetzt nicht mehr“. Während wir warten, erzählt Roxana aus ihrem Leben. Sie und ihr Mann kommen aus Rumänien. Seit ein paar Jahren leben sie in Viana, seit ihr Mann in Trillo Arbeit gefunden hat. Sie selbst hat hier auch Arbeit – sie putzt und pflegt ein paar Wohnungen von Leuten, die nur am Wochenende oder zur Ferienzeit in ihrem Dorf sind. Spanisch spricht sie perfekt. „Warst du schon in Rumänien?“ fragt sie. „Ja. Aber das ist über vierzig Jahre her, ich war erst sechzehn. Ich war mit einer Jugendgruppe in einem Dorf in Siebenbürgen, vier Wochen lang. Damals haben noch viele Deutschstämmige dort gelebt. Das war noch zur Zeit Ceausescus…“ „Ach, das waren noch gute Zeiten unter Ceausescu! Da war die Jugend noch anständig!“ Oh. Das erstaunt mich nun doch sehr, denn trotz meines unreifen Alters hatte mir damals nicht entgehen können, in welcher Angst die Menschen dort gelebt hatten, zumindest die Deutschstämmigen…aber vermutlich verbindet Roxana einfach verklärte Kindheitserinnerungen mit jener Ära. Auf eine politische Diskussion will ich mich jetzt nicht einlassen und wechsle lieber das Thema. „Kann man hier wirklich nichts zu essen bekommen?“ „Die Bar hat nur am Wochenende auf. Aber du könntest mit uns essen, wenn du magst! Wenn mein Mann heimkommt, koche ich, um neun ist alles fertig. Ich freue mich, wenn du kommst! Ich weiß doch so gut, wie das ist, wenn man in der Fremde ist, ganz allein… Die Leute hier waren so lieb zu mir! Meine Nachbarin hat sich wie eine Mutter um mich gekümmert. Was hätte ich nur gemacht ohne sie!“ Nun steigen ihr Tränen in die Augen und sie fischt nach einem Taschentuch. Und dann bricht der eigentliche Grund ihrer Traurigkeit heraus. „Zu Hause, in Rumänien, hat es einen schweren Unfall gegeben. Vier junge Leute sind im Auto mit einem Zug zusammengestoßen. Tot, alle vier. Einer davon war mein Neffe.“ „Wann ist das passiert?“ „Gestern“. Unfassbar. Sie sucht auf dem Handy ein Foto des Neffen und zeigt es mir. Vielleicht bin ich genau deswegen in Viana hängengeblieben. Um den großen Schmerz dieser Frau ein kleines Stück zu teilen… Oben an der Hauptgasse fährt mit lautem Hupen ein Auto entlang. „Der Mann von der Gemeinde“, sage ich, „ich glaube, ich muss los.“ „Bis später, ich warte auf dich!“

Szenenwechsel. Der Gemeindearbeiter ist ein junger, energischer Kerl. Im Handumdrehen hat er mir die Betten, das Bad und den Kasten für den Schlüssel gezeigt, ich muss ein Formular ausfüllen und er möchte gleich wieder los, aber ich möchte noch einen Pilgerstempel. Stempel? Da kennt er sich nicht aus… Gemeinsam entdecken wir dieses Utensil noch in der Originalverpackung, und ich bekomme einen etwas verrutschten Abdruck ins Credencial gepfeffert. „Was kostet die Übernachtung?“ „Nichts – wieso? Verlangen sie in anderen Herbergen was?“ „Ja, schon ab und zu, fünf oder sieben Euro…“ „Hier ist es gratis.“ – Diese Herberge gibt es seit 2010. Sie ist wirklich geräumig, hat eine Küche, wenngleich nichts, was man da zubereiten könnte, einen offenen Kamin, alles, was zweckmäßig ist – aber etwas fehlt. Das Leben. Das Pilgergefühl. Offenbar wird sie selten genutzt. Schon länger keine Eintragung im Pilgerbuch – im April eine Deutsche, danach noch ein Spanier. Keine Bilder, keine Pilgererinnerungen, Schritte und Stimme hallen in dem kahlen Raum. Auf einem der Stockbetten liegt noch das Plastik, in dem die Matratzen verpackt waren. Ich dusche und wasche, die Sanitäranlagen funktionieren und das Wasser ist heiß, der Elektroboiler heizt anscheinend immer… ich schalte ihn aus, das verlangt mein Gewissen, auch wenn es ansonsten überhaupt nichts dagegen hat, die Segnungen des Atomkraftwerks von Trillo gratis entgegenzunehmen. Meiner lieben rumänischen Gastgeberin würde ich allerdings sehr gern eine Kleinigkeit schenken. Ein schöner Nagellack oder ein feiner Duft würde ihr bestimmt Freude machen – aber dergleichen findet sich ja nicht in meinem Pilgergepäck. Und ich weiß, dass sie ganz sicher kein Geld annehmen wird. Also schreibe ich ihr ein Brieflein, verstecke einen 10-Euro-Schein darin und klebe das Ganze mit Pflaster zu, das werde ich ihr in den Briefkasten werfen.

Roxana erwartet mich schon. Es geht ein paar Stufen hinunter ins Souterrain des kleinen Hauses, wo sich Roxana und ihr Mann mit einfachen Mitteln gemütlich eingerichtet haben, rosa Farbe an den alten, schon ein bisschen bröckligen Wänden, ein rosa Vorhang trennt die Küche vom Wohnzimmer. Die beiden leben mit Sicherheit von recht bescheidenen Mitteln. Während Roxana Patatas fritas in reichlich Öl herausbäckt, Salat schneidet, Fleisch aus dem Gefrierfach holt und brät und dies und das aus dem Alltag erzählt, schaut ihr Mann ein rumänisches Unterhaltungsprogramm im Fernsehen an. Er redet wenig, die spanische Sprache fällt ihm schwer, sagt seine Frau. Dann sitzen wir am Küchentisch, ich bekomme das meiste Essen auf den Teller. Der Tisch wird abgeräumt, und ich habe das Gefühl, dass die gastfreundlichen Leute, besonders der Mann, nun doch ganz gern ein bisschen ihre Ruhe hätten, und ich verabschiede mich. Roxana begleitet mich hinaus. „Habt ihr keinen Briefkasten?“ Sie wundert sich über die Frage. Nein, der Postbote legt alles einfach auf die Treppe… Also lege ich meinen Brief auch dorthin und gehe… aber ich komme nicht weit. Roxana rennt mir nach. „Das geht nicht, auf gar keinen Fall!“ Sie drückt mir den Schein in die Hand. Da hilft kein Erklären und kein Bitten. „Ich tue es für meine Eltern, wenn ich dir helfe…“ Und jetzt kommt ihr doch der Schmerz, den sie in der Küche so gut überspielt hat, wieder hoch, sie schluchzt, ich nehme sie fest in den Arm und muss nun auch weinen. —

Vielleicht ziemt es sich nicht, über solche persönlichen Dinge anderer, „fremder“ Menschen öffentlich zu schreiben. Aber solche Begegnungen sind das, was wichtig ist auf dem Weg… die Begegnung mit Roxana (die in Wirklichkeit anders heißt) war wichtig. Für mich. Sie hat einen Platz in meinem Herzen bekommen, über den Weg hinaus…

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 Etappenlänge: 21,6 km

Der Weg folgt nicht mehr der Originalroute über Villaescusa de Palositos, da das Gelände in Privatbesitz ist. Der alte Ort existiert nicht mehr, die historischen Gebäude wurden zerstört – wie z.B. hier nachzulesen ist:

http://lospueblosdeshabitados.blogspot.de/2013/05/villaescusa-de-palositos-guadalajara.html

(„Kann man ein Dorf kaufen, um es abzureißen? Das ist es, was mit Villaescusa de Palositos passiert ist. Sie kauften das Dorf teilweise und rissen das Eigene und das Fremde ab, öffentliche und private Gebäude, ohne Einwilligung irgendeines ihrer Besitzer… und nicht nur eingerissen, sondern auch eingezäunt, damit niemand sich dem Dorf nähern kann, oder besser gesagt dem, was davon geblieben ist…“)

Viana de Mondéjar gehört zur Gemeinde Trillo. Die Herberge liegt am Ortsende, wo man den Ort auf dem Camino verlässt. Sie wurde 2010 eröffnet und ist gut ausgestattet, wirkt noch sehr neu bzw. etwas steril. 6 Betten, Aufenthaltsraum, Kamin zum Feuermachen, Küche mit Mikrowelle, aber keine Töpfe oder Geschirr. An der Tür findet man Telefonnummern der Personen, die den Schlüssel haben, es kommt dann jemand von außerhalb und schließt auf. Die Benutzung der Herberge ist gratis (es gibt auch kein Spendenkästchen o.ä., für die Kosten kommt die Gemeinde Trillo bzw. das dortige Atomkraftwerk auf).

In Viana kann man NICHTS zu essen kaufen! Es gibt eine Bar, die am Wochenende und während der Ferienzeit im Sommer geöffnet ist, aber auch die bietet keinerlei Mahlzeiten an (außer Schokoladeneis ;-). Unbedingt Proviant mitnehmen!

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3 Kommentare zu „Stacheldraht und Gastfreundschaft. Von Salmerón nach Viana de Mondéjar, 4. Tag

  1. Hallo Gertrudis
    Ich beneide dich um zwei Sachen: 1. Um den erlebten Weg. 2. Um die Begabung, so bildreich zu Schreiben. Während ersteres durchaus noch eine interessante Perspektive wäre, wird für mich das Zweite wohl immer ein Traum bleiben.

    Was den Stacheldraht anbelangt, habe ich auf der Via de la Plata auch schon notiert, dass es vermutlich nirgends soviel Stacheldraht gibt, wie in Spanien.

    Gespannt erwarte ich die Fortsetzung deines Berichtes.
    Herzliche Grüsse
    Peter

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  2. Danke, Peter!

    Ja, den Zaun um Villaescusa empfinden allerdings auch die Leute in der Gegend durchaus als Ärgernis…

    Jetzt bitte ich Dich und alle meine LeserInnen um etwas Geduld – ich bin nämlich schon wieder mal (fast) weg. In drei Tagen gehts Richtung Spanien… (keine Pilgerreise diesmal, sondern „familiäre Gründe 😉 ). Mit dem Bericht gehts also erst ca. Mitte September weiter!

    Gertrudis

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