Von Cifuentes nach Aragosa, 6.Wandertag

Mittwoch, 7. Juni 2017

Draußen, vor den Gitterstäben des Fensterchens über dem Waschbecken, an dem ich mir die Zähne putze, geht die Sonne auf. Sieben Uhr. Richtig früh bin ich heute auf, so früh, dass ich mich sogar von Michelle verabschieden konnte! Ich räume die Decken auf, die unser Nachtlager waren, schalte den Strom ab, sperre die Tür zu und begebe mich zu der Bar „Salmeron“, in der man den Schlüssel abgeben muss und wo man zu dieser unmenschlichen Tageszeit bereits ein Frühstück bekommt.

Der Weg führt noch einmal durch´s Städtchen Cifuentes, an der „Puerta de Santiago“ vorbei, und dann hinaus in die anmutige Landschaft aus Olivenhainen, Getreidefeldern und Tafelbergen unter einem wolkenlosen Himmel. Noch einmal zeigen sich im Zurückblicken die beiden Zwillingstürme der Tetas und des Atomreaktors, und binnen einer Stunde bin ich in Moranchel.

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Moranchel ist vielleicht einfach irgendein kleines Dorf. Aber für mich wird es zu einem ganz besonderen Ort, in dem Zärtlichkeit und liebevolle Zuwendung zu Hause sind. Das beginnt schon, bevor ich die ersten Häuser erreiche. Da ist ein Gehege mit Ziegen. Geißen, Zicklein und ein großer, schwarzhaariger Bock. Der steht bei seiner Auserwählten, einer reinweißen Schönen, und reibt sanft seinen Kopf an ihr. Sie steht auf, er folgt ihr auf Schritt und Tritt, flehmt, leckt an ihrem Euter, flirtet und schmust, was das Zeug hält, spritzt ein bisschen vor Lust. Ein paar Minuten lang schaue ich dem verliebten Paar zu. Dann rupfe ich ein Büschel Gras ab, das außerhalb des Zauns wächst – der große Lover hört das Geräusch und schon drückt er die Nase durchs Gitter! Fressen – die Liebe ist vergessen. Als kein Nachschub kommt, wendet er sich ab und einer Schwarzweißen zu… tja, so ist das mit der Treue! – Ein paar Meter weiter: mit lautem Gehupe fährt ein Lieferwagen ins Dorf. Der Bäcker. Vier ältere Männer eilen herbei, und ich. Brot wird gekauft und ein Gespräch angezettelt, Nettigkeiten ausgetauscht, wenngleich deutlich zurückhaltender als in der Ziegenwelt. Ich kaufe auch ein Brot, „una mezzaluna“, zu groß eigentlich für meinen Bedarf. Auf einer Bank am Ballspielplatz knabbere ich gleich daran, und da streicht mir eine bunte Katze um die Beine, die will auch schmusen, ich bin dabei! Aber jetzt wiederholt sich das Erlebnis vom Ziegengehege. Am Haus gegenüber wird die Tür geöffnet, eine Frau reicht mir einen Teller mit einem zuckrigen, fetten, frisch gebackenen Kringel, und darüber vergesse ich glatt meine Katzenliebe! Im Nu ist die Leckerei verspeist, dankbar bringe ich den Teller zurück. Dann stehe ich vor der „richtigen“ Bäckerei – aber die knusprigen Brote und verlockenden Kuchen erweisen sich als optische Täuschung, sie sind, samt dem Schaufenster, an die Hauswand gemalt. Auch an anderen Häusern sind gemalte Wunderdinge zu entdecken, hier lebt ein Künstler mit Humor. Ich verlasse diesen liebenswerten Ort, nicht ohne zum Abschied noch einem süßen kleinen Hund die erbettelten Streicheleinheiten zukommen zu lassen.

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Ein Kilometer weiter: ein staubiger Kombi am Straßenrand, zwei Männer auf dem Acker, ein junger und ein alter. Der Alte winkt und ruft mir etwas zu: „Wir haben uns doch vorhin gesehen, beim Brotkaufen!“ Ein großes Hallo, er freut sich riesig, mich wiederzusehen und hüpft wie ein Kind. Unglaublich, wie nett die Leute hier sind! Ich bin richtig gerührt. „Wir schauen nach dem Unkraut. Ob wir schon `herbizidas` spritzen müssen“, erfahre ich. „Was baut ihr da an?“ „ Sonnenblumen. Wir wechseln jedes Jahr. Heuer Pipas, nächstes Jahr Gerste“.

In Las Inviernas beflügelt Flamencogesang die Pilgerschritte, ist hier Fiesta? Nein, diesmal ist es der Obst- und Haushaltswarenhändler, der mithilfe der Musik aus seinem krächzenden Lautsprecher auf sich aufmerksam macht. Ich kaufe aber nichts, sondern sehe zu, dass ich nun ein bisschen vorwärts komme, denn es ist fast Mittag, ich habe getrödelt. Der Weg windet sich auf eine Anhöhe hinauf. Ganz schön heiß ist es wieder, und kein Schatten in Sicht. Oben eine weite Hochebene, fern, ganz fern, blaue Berge. Und über mir der blaue Himmel. Ich gehe wie Hans-guck-in-die-Luft und versuche, dieses Blau zu erfassen, aber hinter dem Blau ist noch blaueres Blau, unbegreiflich, ein Blau, das mich fast verrückt machen kann, ich muss wegschauen, der Blick möchte sich an der Erde festhalten, sucht Grünes und findet Rot, Mohnfeuer. Im schmalen Schatten einer einsamen, aus hellen Feldsteinen errichteten Scheune raste ich, verzehre endlich meinen gewaschenen Pfirsich, trinke warm gewordenes Wasser. Ein Reh spaziert übers Feld. Schmetterlinge tanzen, Fliegen surren um mich herum. Irgendwo rauscht ein Zug vorbei, nur zu hören, nicht zu sehen, ich bin in der Nähe der Schnellbahnlinie Madrid-Zaragoza.

Noch etwa acht Kilometer bis Mirabueno. Immer wieder hohe Steinhaufen auf den Feldern, große Brocken, die aus den Äckern aufgesammelt wurden, es muss mühevoll sein, diese steinige Erde zu bearbeiten. Dann eine Eisenbahnhaltestelle, fern jeder Ortschaft. Moderne, in noch ganz frischem, rostfreien Blau erstrahlende Oberleitungsmasten, vorbeibrausende AVE-Züge. Kurz darauf die parallel zur Eisenbahn verlaufende Autobahn, an der Raststätte mit lockenden Bar-Tischchen gehe ich mutig vorbei in der Zuversicht, dass ich in Mirabueno einen Kaffee bekommen werde.

Wieder der Mohn, wieder das Rot. Vor ein paar Tagen war ich begeistert von diesen Mohnblumen, wollte sie alle fotografieren, aber jetzt machen sie mich ganz verrückt, überall sind sie, die kleinen roten Biester, tausende, wackeln mit ihren roten Köpfen, glotzen mich an mit roten Augen, reißen rote Mäuler auf… zum Glück kommt der Kirchturm von Mirabueno in Sicht.

Mirabueno – ein verheißungsvoller Name, „guter Blick“, aber warum habe ich mir die ganze Zeit vorgestellt, dass dazu unbedingt eine Bar mit Terrasse gehören müsse, von der aus man die schöne Aussicht genießen könne? Ja, die Aussicht gibt es, weit hinunter ins Tal. Nur die Bar gibt es nicht. Immerhin, am anderen Ende dieses durchaus hübschen, aber jetzt menschenleer wirkenden Dörfchens sprudelt ein kühler Brunnen neben dem renovierten Waschhaus. Eine Tafel weist darauf hin, dass wir uns nun im „Parque Natural Barranco del Rio Dulce“ befinden.

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Michelle ruft an. „Ich bin in Mandayona. Die Unterkunft ist am Sportplatz, aber – c´est complètement pourri! Il n´y a rien. Total versifft. Es gibt nichts, nicht mal eine Dusche. Aber vier, fünf Kilometer weiter, in Aragosa, gibt es eine Casa Rural, 30 Euro pro Person, mit Frühstück. Da geh ich hin. Soll ich für dich mitreservieren?“ Ja, gerne. „Ich lass mir Zeit, vor sieben werd ich nicht da sein“, antworte ich, „aber ich komme ganz sicher, versprochen!“

Aragosa liegt nicht an der „offiziellen“ Route des Pilgerwegs, die in einer langen Etappe von 34 Kilometern geradewegs von Mandayona nach Atienza führen würde. Aber wir haben beschlossen, hier einen Umweg durch die Talschlucht des Rio Dulce zu machen, über die Burg Pelegrina und die alte Stadt Sigüenza.

Mandayona. Am Ortseingang treffe ich auf den Rio Dulce und auf eine große Informationstafel, die beide Varianten der Ruta de la Lana beschreibt. Erfreut notiere ich die Nummer der Pilgerherberge von Sigüenza – ich hatte nicht damit gerechnet, dass es dort eine gibt, denn Mundicamino schweigt sich über diese Route aus. Dann geht’s an weißgestrichenen Häuserreihen entlang in den Ort hinein. Geschmiedete Balkone, die Jalousien heruntergelassen. Träge, brütende Hitze. Rote Dächer, erbarmungslos blauer Himmel. Wieder einmal trottet Don Quijotes Rosinante durch meine Phantasie. Im Buswartehäuschen das Konterfei eines Stierkämpfers, theatralisch, wild und zugleich melancholisch… Auch auf dem Bildschirm der Bar vollführt ein Torero exaltierte Posen, der Stier wirkt müde, sehnt sich wohl nach Weide und Kühen. Die Männer an der Theke wirken ebenfalls müde, und die Kartenspieler am Tisch nehmen kaum Notiz von der fremden Pilgerin. Ich setze mich mit meinem Kaffee draußen auf die Stufen, da ist ein wenig Schatten.

Ohne Bedauern kehre ich Mandayona den Rücken. Es ist halb sechs vorbei, ich folge dem GR 10, der nun doch auch Jakobsweg ist, und die Natur nimmt mich wieder mit lieblicher Leichtigkeit auf. Ein weites, blühendes Tal zunächst, noch einmal der Blick auf Mirabueno, drüben auf der felsigen Höhe. Neben mir der Rio Dulce, der Süße Fluss. Um mich herum – die süßen Düfte. Habe ich sie noch nicht erwähnt? Ja, jeden Tag begleiten sie mich, die Düfte des frühen Sommers! Hier nun ist es der Hollerduft, der mich betörend umhüllt. Nie ist die Luft neutral auf diesem Weg! All die Kräuter, der Ginster, Lavendel, die Rosen in den Gärten, und manchmal der Geruch von Weihrauch… Bald rücken die Felsen zusammen, das Tal wird waldig, schattig. Das Licht ist sanfter geworden, spielt in den Blättern. Das Wasser des trägen Flüsschens ist ein klarer, dunkler Spiegel. Ein Reh weidet im Ufergras, ganz nah. Da, wo das Tal zur Schlucht wird und zwischen Fluss und Fels gerade noch Raum ist für ein paar Häuser, das Dorf – Aragosa.

Es war eine gute Entscheidung, noch hierher zu gehen. Michelle sitzt auf der Stufe vor der „Casa Rural Rio Dulce“ und telefoniert, aber als sie mich sieht, packt sie ihr Handy weg und führt mich ins Haus. Und das ist eine wahre Luxusunterkunft! Eine geschmackvoll eingerichtete Ferienwohnung mit Küche und Wohnzimmer, überall hängen selbstgestaltete Bilder und Wandteppiche, ein leichtes Aroma von Räucherstäbchen liegt in der Luft, im Schlafgemach warten zwei überbreite Betten mit herrlich sauberer Bettwäsche, Spitzendeckchen auf dem Tisch… fast komme ich mir in diesem Ambiente ein bisschen schäbig vor mit meinem Rucksack und den dreckigen Pilgerklamotten, die ich nun alle in dem auf Hochglanz geputzten Badezimmer wasche, wer weiß, wann sich wieder so eine Gelegenheit bieten wird. Die Hausherrin bringt zwei rohe Eier fürs Frühstück und Tomaten und Brot. Ich frage, ob es vielleicht ein Gläschen Wein gibt… aber nein, leider, „wir trinken keinen Alkohol“. Michelle telefoniert schon wieder (sie hat ein Problem, wie ich bald erfahre – sie hat zu Hause einen bösen Link angeklickt und dabei einen Virus auf ihren Rechner eingefangen, und nun muss ihr Mann sich darum kümmern… manchmal bleibt man auch auf Pilgerwegen nicht von den Ärgernissen des Alltags verschont). Indessen drehe ich noch eine Runde durch das beschauliche Dörfchen. Die letzten Sonnenstrahlen lassen noch die Ränder der Felsen am gegenüberliegenden Ufer aufleuchten. Eine alte Kirche gibt es mit üppig blühenden Rosen davor, die Häuser sind zum Teil gut instand gehalten, in warmen, erdigen Farben verputzt, aber das Leben spielt sich hier wohl nur im Sommer ab, wenn die Stadtleute während der Feriensaison in ihre Heimat zurückkehren – jetzt treffe ich nur zwei ältere Männer, die mir ein paar kurzweilige Geschichten erzählen. Eine Bar oder Einkaufsmöglichkeit gibt es nicht.

Wir brauchen dennoch nicht zu hungern – die Tomaten werden mit den Eiern in der Pfanne gebraten, und Brot trage ich seit der Begegnung mit dem mobilen Bäcker in Moranchel genug mit mir herum. Dann sitze ich noch eine Weile im Dunkeln auf der warmen Treppenstufe. Still ist es, ganz still.

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Etappenlänge von Cifuentes nach Aragosa: ca. 30 km

Von Cifuentes bis Mandayona sind es 25,7 km. In Mandayona teilt sich der Weg: die „originale“ (bei Mundicamino u.a. beschriebene) Route führt nach Norden nach Atienza, ich habe die Variante durch die Schlucht des Rio Dulce über die weiter östlich gelegene Stadt Sigüenza gewählt und kann diesen Umweg nur empfehlen, er gehörte zu den schönsten Etappen der ganzen Ruta de la Lana.

Die Pilgerunterkunft von Mandayona befindet sich am Sportplatz und ist laut Aussage meiner Mitpilgerin nicht empfehlenswert (schmutzig, Fußboden, keine Duschen) – ich habe sie nicht persönlich besichtigt.

Aragosa: Casa Rural „Rio Dulce“, Tel. +34 629228919

30 Euro pro Person, mit Frühstück (das ist möglicherweise ein „Pilgerpreis“, z.B. bei Booking.com teurer). Sehr angenehme und saubere Unterkunft mit gut eingerichteter Küche. Es gibt auch ein dazugehöriges „Spa“, das aber während unseres Aufenthalts nicht in Betrieb war.

Auf dieser Etappe gibt es sehr wenig Einkehr- bzw. Einkaufsmöglichkeiten! Die Dörfer werden von „fliegenden Händlern“ versorgt. Bar: an der Autobahnraststätte und in Mandayona. Unbedingt in Cifuentes Proviant einpacken! 

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