Durchs Tal des „Süßen Flusses“. Von Aragosa nach Sigüenza, 7. Wandertag

Donnerstag, 8. Juni 2017

Zielstrebig trägt die kleine Schnecke ihr schwarzbraun gemustertes Häuschen über den Weg. Ich lasse sie passieren, denn ich habe keine Eile. Es ist noch nicht einmal acht Uhr, und die heutige Etappe bis Sigüenza ist überschaubar, zwanzig Kilometer. Sogar Michelle hat heute ungewöhnlich lang geschlafen! Wir haben zusammen gefrühstückt, Milch und Orangensaft stand in unserem komfortablen Quartier bereit und richtig guten Kaffee konnten wir uns da zubereiten. Die Michelle ist dann trotzdem als Erste aufgebrochen, während ich noch die Küche aufgeräumt habe. Ja, wir verstehen uns gut, gerade auch in diesem Punkt: jede geht allein. Sie ist zielstrebig (wie die Schnecke, die da erstaunlich schnell meinen Weg kreuzt), und ich trödle gern ein wenig herum.

DSCF7397

Nun führt der Weg durch die Schlucht, an steilen, hoch aufragenden Felsen entlang, zwischen Pappeln, die aus dem Talgrund dem Licht entgegenwachsen und in deren Laub die Morgensonne glitzert. Eine Symphonie erfüllt das Tal, Pfeifen, Zwitschern, Gurren, Trillern unterschiedlichster Vogelstimmen, das hölzerne Tremolo des klopfenden Spechts, das silbrige Rauschen der Blätter, verstärkt durch den Widerhall an den Felsen. Eine Natter schlängelt sich eilig durch den Sand. Ein Reh blickt mich an durchs Unterholz neben dem Bach. Weit oben landet ein Geier auf einer der bizarren, im Licht erglühenden Felsenspitzen, während meine Füße wie die eines tolpatschigen Riesen durch eine Landschaft aus sandigen Kratern schreiten, welche emsige Ameisen geschaufelt haben… so viel Leben, und ich selber ein kleiner, stummer Akteur in der unbegreiflich gewaltigen Schöpfung! Was mich aber ganz besonders fasziniert, während ich hier nun der Sonne entgegen gehe, ist die Begegnung des Lichts mit den materiellen Dingen. Ein Spiel von Formen und Farben, ständig wechselnd, und in Gras, Blüte, Stein strahlt für einen flüchtigen Augenblick etwas auf, etwas Unfassbares, Größeres als einfach nur Gras, Blüte, Stein… ich kann es nicht festhalten, nicht einmal denken.

Im Gras neben dem Bach finde ich eine Feder. Eine Geierfeder! Ein kostbares Geschenk. Ich knote sie an das Bändchen meiner Jakobsmuschel.

DSCF7408

DSCF7413

Cabrera. Eine Brücke, eine Kirche, ein paar Häuser. Der Weg geht am Fußballplatz entlang, es muss also hier Menschen geben, die Fußball spielen… ich treffe aber keinen Menschen. Ein Wegweiser: 4,1 km nach Pelegrina. Ich befinde mich nicht nur auf dem GR und dem Jakobsweg, sondern auch auf dem Camino del Cid, wie ich nun feststelle. Weiter am Rio Dulce entlang, durch einen verzaubert wirkenden Wald, das Tal weitet sich, Gräser mit langen weichen Grannen streicheln mir die Beine auf dem schmalen Weg. Vogelgesang, Grillengezirp. Irgendwo in einem Baum sitzt ein Kuckuck, der drei Töne kann! Und dann sehe ich die Burg Pelegrina, trutzige Türme auf felsiger Höhe. Ein steiler, steiniger Pfad führt mich ins Dorf, durch die Hintertür sozusagen. Das Dorf klammert sich auf dem Bergsattel fest, steinerne Häuser, die auf Besucher warten, aber auch hier scheine ich heute die einzige Besucherin zu sein. Die kleine, romanische Kirche ist fest verschlossen. Nach einer kurzen Verschnaufpause unter dem schattigen Vordach treibt es mich gleich weiter, hinauf zur Burg.

DSCF7438

Von der einst wehrhaften Festung ist nur ein ausgetrocknetes Gerippe übriggeblieben. Ein Geviert mit mächtigen, schmucklosen runden Ecktürmen, die von unten angefressen sind, als hätte ein monströser Biber an ihnen genagt, durch Mauerreste verbunden. Kahle Steine, in denen sich die Hitze staut wie in einem überdimensionalen Pizzabackofen. Mageres Gras. Wenig Lebendiges – aber eine phänomenale Aussicht! Zur einen Seite auf einen zerklüfteten Felsenkessel, zur andern auf die Dächer des Dorfs und hinunter ins Tal. Ich versuche, den Pfad zu erkennen, der den Hang auf der gegenüberliegenden Talseite hinaufführen muss und den ich mir zu Hause mittels Onlinekarten gesucht habe… ja, neben dem großen Schafstall da unten muss es hinaufgehen.

Zurück im Dorf finde ich eine Wegmarkierung, die mich überrascht und erfreut – „Ruta de Don Quijote“. Hier bin ich ihm also tatsächlich dicht auf den Fersen, meinem geliebten Ritter von der traurigen Gestalt. Ein weiteres Hinweisschild ist ebenso interessant: „Restaurante“… tatsächlich, es gibt in Pelegrina einen Kaffee für die Peregrina! Ein sympathisches Lokal, eine Terrasse mit Sonnenschirmen und Blick in die weite Landschaft. Und Wifi! Nichts wie raus aus Stiefeln und Socken – jetzt ist eine längere Pause angesagt. Sehr gut fühlt es sich an in diesem Bergdörfchen, und einen Moment lang bin ich versucht, mich hier einzunisten, vorhin habe ich eine nette Casa Rural gesehen… aber mein Etappenplan sieht für heute Sigüenza vor. Sehr weit kann es nicht mehr sein bis dorthin, und ich sehne mich auch ein bisschen nach Menschen. Und Läden mit Obst oder Käse… und danach, Michelle wiederzutreffen.

An der Abzweigung zu dem Schafstall gibt´s eine große Tafel, auf der der Verlauf der Ruta Don Quijote eingezeichnet ist, und das ist genau mein Weg. Der, den ich bei „Iberpix“ entdeckt hatte, ein ganz verborgener Pfad, den nicht einmal Google kennt – jetzt ist er markiert, und das gleich mehrfach, auch als Weg des Cid und der Pilger! Ich hätte mir die Mühe sparen können. In Serpentinen windet er sich die Anhöhe hinauf, zwischen niedrigem Gestrüpp, Lavendel, Heidekraut und mit herrlichen Rückblicken auf das malerische Pelegrina. Fernab jeder Zivilisation pilgere ich jetzt also auf den Spuren zweier spanischer Nationalhelden durch schütteren Steineichenwald über die Hochebene und finde tatsächlich Spuren, aber die stammen von Rehen – und Wildschweinen. Ansonsten scheint dieser Pfad, obgleich als „Itinerario Cultural Europeo“ ausgezeichnet, wenig frequentiert zu sein. Ich bin auf 1102 Metern Höhe, bei leichtem Wind lässt sich die sommerliche Temperatur gut aushalten. Und dann, als der Wald und die Hochebene zu Ende sind, öffnet sich der Blick hinunter auf eine trutzige Festung und die eng aneinander geschachtelten Dächer einer Stadt – Sigüenza.

DSCF7477

Die Stadt nimmt mich auf, eine lange Straße zwischen aneinandergebauten alten, dreistöckigen Häusern aus rötlich schimmerndem Stein, geschmückt mit phantasievoll geschmiedeten eisernen Balkonen. Dann ein geräumiger Platz – und die Kathedrale: ein mächtiges Gebäude, klotzig, rechtwinklig, die beiden flachen Türme wirken wehrhaft wie Burgtürme, von Zinnen gekrönt. Der Bau dieser im Wesentlichen gotischen Kirche begann im 12. Jahrhundert und zog sich bis zum 14. Jahrhundert hin. Das Innere verwirrt mich, es ist ziemlich dunkel und ein im Langhaus eingebauter Binnenchor versperrt die Übersicht. Ich bewundere ein paar Einzelheiten, die schöne bunte Rosette, die apart gestaltete Vierungskuppel, den fein ziselierten Eingang einer Seitenkapelle, aber richtig warm werde ich nicht mit diesem Gotteshaus und suche bald wieder das Freie. Draußen bittet mich ein Touristenpaar, ein Foto von ihnen zu knipsen – sie sind Holländer, und sie „pilgern“ auf der „Ruta de los Paradores“, und heute logieren sie in der Burg von Sigüenza, die zum Nobelhotel umfunktioniert wurde.

Auch meine Unterkunft wartet mit einer gewissen Noblesse auf, freilich einer etwas angekratzten. Der „Palacio de Infantes“, ein stattlicher barocker Bau, war früher Schule und Internat für die Chorknaben der Kathedrale, eine Musikschule also – wie nett, da fühle ich mich gleich wie zu Hause… Ich klingle an dem schweren Holztor. Eine kleine Frau mit Schürze öffnet und führt mich eine knarrende Stiege hinauf, erzählt, dass meine Kollegin mich schon angemeldet hätte und ermahnt mich wortreich, mir den Weg genau zu merken… ja, man könnte sich durchaus verlaufen hier drin! Ich folge ihr durch Gänge, hinter einer der unzähligen dunklen Türen öffnet sie eine weitere Tür und führt mich in einen Raum mit mehreren Betten, und da hat sich die Michelle schon eingerichtet. Naja… ich frage mich, ob die Matratzen wohl bereits den Chorknaben gedient haben, und der Fußboden zeigt deutlich, dass auch schon Andere diesen Raum benutzt haben – aber als Pilgerin bin ich ja nun nicht pingelig. Die redselige Gastmeisterin allerdings reagiert entsetzt: „Oh, wie schmutzig ist das hier! Das geht ja nicht. Wartet, Ihr bekommt ein anderes Zimmer!“ Sie wetzt davon, und Michelle erklärt mir grinsend, sie habe ihr von den unzumutbaren Bedingungen in der Unterkunft in Mandayona erzählt – dadurch sei wohl nun ihr hausfraulicher Ehrgeiz erwacht. Wir bekommen ein anderes Zimmer. Besser gesagt, eine ganze Suite, ich wähle den Raum mit dem Balkon und Michelle den mit dem klösterlichen Schreibtisch. Die Matratzen stammen freilich auch hier aus der Chorknabenära, ebenso wie die gesamte Einrichtung. Das Haus dient vor allem als Unterkunft für Schulklassen, Jugendgruppen und Familienfreizeiten, und es wird von einer christlichen Kongregation unterhalten, den „Padres Josefinos“. Der für die Pilger zuständige Padre ist noch nicht da, wir müssen warten, aber es gibt ja zu tun – duschen, Wäsche waschen, das Haus erforschen – ein arkadenverzierter Innenhof, alte Bilder, eine Vitrine mit glänzenden Pokalen, nein, keine liturgischen Geräte, sondern Fußballtrophäen… Mein Magen schreit. Wann habe ich zuletzt etwas gegessen? Beim Frühstück. Und irgendwann ein Stück von meinem Brot… mein vorrangiges Interesse gälte jetzt der Nahrungssuche! Michelle hat sich bereits versorgt.

Endlich ist der Padre in seinem Büro. Sehr interessiert ist er an unserer Pilgerreise. „Was ist schwieriger“, will er wissen, „der Camino de Santiago oder der Camino des Lebens?“ „Camino de la vida!“ kommt es gleichzeitig aus Michelles und meinem Mund. „Im Alltag bin ich immer für andere da“, erklärt Michelle, „ da gibt es so viele Aufgaben, so viel Verantwortung. Auf dem Camino bin ich frei, gehe einfach meinen eigenen Weg, spüre mich selbst, erlebe soviel Neues. Das brauche ich. Deshalb gehe jedes Jahr einen Pilgerweg.“ Dem kann ich nur zu hundert Prozent zustimmen. Aber Michelle ist – im Gegensatz zu mir? – auch auf ihren Caminos sehr vernünftig und gut organisiert: „Wo können wir morgen in Atienza unterkommen?“ Unser Padre greift zum Telefon und ruft im Rathaus von Atienza an. „Salve, Caballero!“ Er diskutiert einige Zeit, es scheint ein bisschen kompliziert zu sein, aber dann notiert er eine Telefonnummer und schiebt sie uns hin. „Vale, muchas gracias, caballero!“ Es ist die persönliche Nummer des Herrn Bürgermeisters, der wird sich um uns kümmern. Nun bekommen wir endlich unseren Stempel und jede einen Schlüssel und zahlen zehn Euro, aber unser Cura nimmt sich noch mehr Zeit für uns: „Ich zeige euch den schönsten Blick auf die Kathedrale, kommt mit!“ Er führt uns noch einmal die Treppen hinauf, auf die Galeria. Dass da bereits meine Wäsche an der Leine baumelt, kann er ja nicht wissen. „Wenn ihr möchtet, mache ich ein Foto von euch. Ich fotografiere leidenschaftlich gern!“ Er ist wirklich sehr, sehr nett, unser Cura. Trotzdem bin ich froh, dass ich nach dem ausgiebigen Fotoshooting endlich hinaus und in den nächstbesten Laden einfallen kann.

Es ist bereits halb acht. Ich laufe noch ein bisschen durch die Stadt, genieße das Leben in den Straßen. In einem Schuhladen hängen die ausgestopften Häupter von Stieren, die in einem widernatürlichen „Kampf“ ihr Leben lassen mussten… Am Himmel brauen sich dicke Wolken zusammen, es wird ein Gewitter geben. Auf einer Bank in der Nähe der Burg vertilge ich endlich einen Großteil meiner Beute. Und merke, dass ich erschöpft bin. Ich sollte besser auf meine Ernährung achten – aber unterwegs meine ich immer, ich könnte von Lichtnahrung leben… Für heute ist es genug. Ich habe eine wunderbare Etappe durchwandert, vielleicht die schönste auf meinem bisherigen Weg. Nun darf ich einfach nur noch schlafen.

 

 

Etappenlänge (Aragosa – Sigüenza): ca. 20 km

Die Route durch den Naturpark „Barranco del Rio Dulce“ ist als Gr 10, GR 160, „Camino del Cid“ und „Ruta de la Lana“ markiert, von Pelegrina bis Sigüenza auch als „Ruta de Don Quijote“

Keine Einkaufsmöglichkeiten unterwegs!

Einkehrmöglichkeit in Pelegrina: Restaurant –  Bar “ Bajá“  🙂

Eventuelle Übernachtungsmöglichkeit in Pelegrina in einer Casa Rural https://www.escapadarural.com/que-hacer/pelegrina/donde-dormir

Informationstafeln mit Auskunft zu Wegverlauf und Infrastruktur finden sich in Mandayona, also am Beginn des Barranco del Rio Dulce, und zwar für beide Wegvarianten:

(Keine Gewähr für die Aktualität der angegebenen Telefonnummern!)

Pilgerunterkunft in Sigüenza: P.P.Josefinos, Callejón los Infantes, Tel. (+34) 949 390 890

http://alojamientosiguenza.com/

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s