Ein entführtes Königskind und die Königinnen der Kochtöpfe. Von Atienza nach Miedes de Atienza, 9. Wandertag

Samstag, 10. Juni 2017

Atienza war eine bedeutende Stadt“, hat der Padre Josefino gestern mit vielsagendem Blick bemerkt. „Bedeutender, als man heute vermuten würde…“ Heute hat Atienza gerade mal 450 Einwohner… Leider hat der Padre weiter nichts von seinem Wissen preisgegeben, und so bleibt es mir selber überlassen, in Atienza auf Spurensuche zu gehen.

Im „Cantar de mio Cid“ spielt die Stadt eine Rolle, aber den habe ich nicht gelesen, Geschichten von Kriegshelden interessieren mich nicht allzu sehr. Dann lieber Don Quijote, der war ebenfalls da; das Balkönchen, unter dem ich nun in die „Calle de Cervantes“ einbiege, sieht allerdings aus, als wäre ich in eine Aufführung von „Romeo und Julia“ geraten. Ja, die ganze Stadt eignet sich hervorragend als Kulisse für Mittelalter-Events, und tatsächlich habe ich einen solchen gerade um wenige Tage verpasst – die Caballada, ein historisches Festspiel, das seit dem Jahr 1162 alljährlich am Pfingstsonntag aufgeführt wird! Bei diesem Spiel geht es, wie ich aus einer ins „Deutsche“ übersetzten Internetseite erfahre, um die Befreiung eines aus Machtinteressen entführten Königskindes – Alfons XIII. („Am Morgen des Pfingstsonntags 1162 verlassen die Maultiertreiber von Atienza mit dem als Maultier verkleideten Kindkönig die Stadt an der Ausgangstür…“ ). O ja, Atienza gefällt mir sehr gut. Die bezaubernde dreieckige „Plaza de Trigo“ mit den Arkaden aus runden Säulen, die reich verzierten hölzernen Dachsparren, die geschmiedeten Balkone, der spitzbogige „Arco de Arrebatacapas“, der auf die „Plaza de España“ führt… Was mir weniger gefällt, ist, dass die Bars und Geschäfte noch geschlossen sind. Das habe ich nun davon, dass ich schon um dreiviertel Sieben aufgestanden bin! Immerhin konnte ich mich von der Michelle verabschieden – der ging es nicht ganz gut heute Nacht, trotzdem ist sie wie immer früh aufgebrochen. Ich muss mich aber unbedingt mit Proviant versorgen, und vor allem brauche ich eine neue Wasserflasche – meine alte habe ich gestern im Auto der netten Naturfreunde liegen lassen. 

Also ein Morgenspaziergang, hinauf zur Burg. Bereits die Westgoten nutzten diesen strategisch wichtigen Ort, dann die Römer, dann die Mauren, und Ende des 11. Jahrhunderts eroberten die Christen die Festung zurück. Nun steht nur noch ein Eckturm, hoch auf dem steilen Felsenpodest ragt er markant in den wolkenlosen Himmel. Unterhalb liegt die Stierkampfarena. Und die Kirche Santa Maria del Rey – über die Wiese laufe ich hinunter und stehe vor einem romanischen Portal, über das in zwei Reihen Inschriften gemeißelt sind, eine lateinische und darunter eine – arabische! Spannend. Ich weiß zu wenig darüber, wie sich die arabische Herrschaft auf die spanische Bevölkerung ausgewirkt hat. Sicher mussten viele Menschen sie als Unterdrückung erleben. Aber in vieler Hinsicht war die Begegnung der Kulturen fruchtbar. Dieses Portal stammt offenbar von den „Mozarabern“, Christen, die von der Kultur des Islam geprägt waren, und bei der arabischen Inschrift handelt es sich um eine Sure aus dem Koran, wie ich bei der späteren Recherche im Internet herausfinde. Erstaunlich, welche Annäherung der beiden Religionen irgendwann, an solchen besonderen Orten, doch möglich war… Auf der anderen Seite der Kirche Santa Maria del Rey befindet sich der Friedhof, das eiserne Gitter ist verschlossen, und so bekomme ich das reich geschmückte Hauptportal nur aus der Ferne zu Gesicht.

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Auf meinem morgendlichen Rundgang entdecke ich noch eine Reihe weiterer Kirchen – Santa Trinidad, San Bartolomé… elf Kirchen gibt es in Atienza! Wenn die nicht alle geschlossen wären, käme ich womöglich heute gar nicht mehr von hier weg… Wenigstens eine davon ist nun offen, die Iglesia de San Juan del Mercado. Aus dem hellen Tageslicht trete ich ins Dunkle, nur das Gold des barocken Altars glänzt im Widerschein der Ewiglicht-Ampel. Das dumpfe Ticken der großen Pendeluhr teilt die Stille in Sekunden ein, ich lausche ihm gebannt, beobachte, wie die Lebenszeit – meine Lebenszeit – verrinnt… Dann gewöhnen sich die Augen ans Dämmerlicht, Figuren in dramatischen Posen treten hervor, eine goldbestickte Muttergottes mit leidendem Gesichtsausdruck, Johannes im Fellmantel mit einem Tier zu Füßen, das einen Reptilienpanzer zu tragen scheint, aber wohl das „Lamm Gottes“ darstellen soll. Dann knarrt es in der Uhr, zehn blecherne Schläge holen mich aus dem Zustand des reinen In-der-Zeit-Seins, der sich paradoxerweise eher wie Zeitlosigkeit anfühlt, heraus und erinnern mich an die Notwendigkeit profaner Verrichtungen. Frühstück!

In der Bar an der Plaza España ist Leben eingekehrt. Eine ältere, vor Lebendigkeit sprühende Señora schleppt Platten voller duftender Köstlichkeiten aus der Küche herbei und platziert sie in der Vitrine an der Theke, während eine sehr schöne Junge, anscheinend die Tochter, sehr reserviert und betont lustlos die Gäste bedient. Ich vertilge ein noch heißes Stück Tortilla zum Café con leche und warte darauf, dass sich am Gebäude gegenüber die Jalousie unter der Aufschrift „Alimentación“ endlich bewegt – da könnte ich allerdings noch lange warten. Der Laden wird auf absehbare Zeit überhaupt nicht öffnen, wie ich schließlich erfahre – es gebe aber eine Bäckerei, außerhalb der Stadtmauer. Die Bäckerei bietet außer Brot ein sehr überschaubares Sortiment an Lebensmitteln, kein Obst, aber eine Dose Sardinen und eine Wasserflasche, immerhin.

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Die Füße wollen aufbrechen, es ist fast elf Uhr. Schon habe ich die Stadt verlassen, da liegt noch eine Kirche am Weg, verträumt in der flimmernden Sonne, umgeben von Rosen und Feldblumen, Bienensummen und Vogelgezwitscher – Nuestra Señora del Val. Über dem romanischen Portal sitzt Maria mit dem Kind auf einem Tier mit Pfoten – und unter ihr winden sich zehn Turner um eine Stange, die Füße von hinten über die Köpfe gestreckt… Dieses Atienza hat mich wirklich reich beschenkt mit Eindrücken, die mein Herz höher schlagen ließen!

Beschwingt folge ich jetzt der Landstraße. In einer Stunde werde ich Tordelloso erreichen, drei Kilometer weiter Alpedroches und nach weiteren fünf Kilometern mein heutiges Ziel, Miedes de Atienza. So jedenfalls verkündet es meine Wegbeschreibung. Dass laut Mundicamino die gesamte Etappe auf der Straße verläuft, stört mich ganz und gar nicht – hier ist so gut wie kein Verkehr. Der gelbe Pfeil weist zwar bald nach links auf einen Pfad, den Hügel hinauf – aber warum sollte ich das gemütliche Sträßchen verlassen und den holprigen Pfad nehmen? Zügig schreite ich aus, leicht und fröhlich immer abwärts, einen Kilometer, zwei, drei – aber dann kommen mir doch plötzlich Zweifel. Warum sind hier gar keine Pfeile? Und warum gehe ich hier nach Nordosten, wo ich doch nach Nordwesten möchte? Ich hole die Karte heraus, den Teil der guten alten, schon so oft zerstückelten und wieder geklebten Spanienkarte, deren Ausschnitte mich auf allen meinen Caminos begleitet und manchmal gerettet haben. Das Ergebnis ist ernüchternd – ich bin falsch. Hier geht’s nicht nach Tordelloso. Aber warum waren dann da Pfeile, jedenfalls am Anfang? Auf alle Fälle muss ich zurück… fast bis Atienza. Kurz vor der Stelle, wo der Pfad in den Wald abzweigt, weidet jetzt ein Hirte seine Schafe. Immerhin doch ein Glück – endlich eine Schafsbegegnung von Angesicht zu Angesicht! Ich hatte schon befürchtet, dass ich von der Wollstraße ohne ein einziges Schafsfoto zurückkehren müsste! „Die Straße nach Tordelloso ist auf der anderen Seite“, erklärt der Schäfer und deutet in eine weit entfernte Richtung. „Aber wenn du da über die Wiese gehst, kommst du auf den Camino. Da findest du dann wieder die Pfeile.“ Zwar verstehe ich jetzt überhaupt nichts mehr, aber ich folge dem Rat des Schäfers, finde einen markierten Weg, laufe auf einer Schotterpiste durch einen endlos scheinenden Kiefernwald. Das Rätsel löst sich, als mir ein Wanderer mit Rucksack entgegen kommt. Er geht den Camino del Cid. Und der ist irgendwann auch zur Ruta de la Lana markiert worden, nur in die entgegengesetzte Richtung. Um die Straße zu vermeiden. „Hier kommst du nach Romanillos. Und dann nach Miedes“. Toll. Hätte ich das vorher gewusst – nach Romanillos hätte ich auch auf meinem Sträßchen bleiben können. Ein Umweg ist es allemal, auch durch den Wald. Wenn hier wenigstens Schatten wäre! Aber die Sonne brennt genau in die Schneise herein, und kein Lüftchen regt sich.

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Eine SMS von Michelle kommt an: „Pas d´albergue à Retortillo, pas trop en forme, je suis à Miedes, fête du village aujourd´hui“. Sie hatte vorgehabt, heute bis Retortillo zu gehen, und vielleicht wären wir uns dann nicht mehr begegnet… aber das Schicksal möchte uns nicht trennen und hat ihr diese Magenverstimmung geschickt. Dorffest klingt gut, klingt nach Essen, und ich habe wirklich große Lust darauf, wieder einmal etwas Vernünftiges in den Bauch zu bekommen!

Endlich ist der Wald durchquert. Gepflügte Felder aus roter Erde, Kornblumen am Wegrand, ein riesiger Quader aus Strohballen, Windräder entlang der Hügelkette links am Horizont. In die gewellte Landschaft ducken sich die Steinhäuser des Dörfchens Romanillos. Gleich am Ortsanfang plätschert ein Brunnen, willkommene Labsal. „No, no!“ ruft mir ein Mann zu, mit abwehrender Handbewegung, „das Wasser da ist nicht gut! Nimm Wasser aus dem anderen Brunnen, das ist viel besser!“ Na gut, wenn er meint… Der „andere Brunnen“ ist tatsächlich viel schöner und bildet den Mittelpunkt des Dorfplatzes. Da gibt es eine robuste romanische Kirche aus rötlichen Steinen, die Seitenwand durch Rundbögen unterteilt. Und eine Bar gibt es da, von deren Terrasse ein unwiderstehlich duftender Rauch aufsteigt! Fröhlich durcheinander schwatzende, lachende Leute, die Fische grillen und Bier trinken… ganz ungewohnt, so viele Menschen auf einmal zu sehen. Naja, etwa ein Dutzend… Es scheint eine geschlossene Gesellschaft zu sein, und sie begrüßen mich freundlich, aber leider fragen sie mich nicht, ob ich etwas von dem leckeren Fisch abhaben möchte, und so begnüge ich mich mit einem Kaffee und labe mich an den vorbeiwehenden Dämpfen.

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Dann umgibt mich wieder die vollkommene Einsamkeit. Farbenprächtige Landschaft, grün und ockergelb die Felder, die kahle, gepflügte Erde in roten, braunen, grauen Tönen. Brütende Hitze. Auf einem schnurgeraden Teersträßchen gehe ich nun nach Westen, in spitzem Winkel zu dem Weg, auf dem ich gekommen bin, die Windräder, nun zur Rechten, begleiten mich mit leisem Surren. In der Ferne, im Dunst, ein blauer Gebirgszug. Welche Kleinigkeiten auf einmal Bedeutung bekommen! Zum Beispiel, dass es hier keine Mohnblumen gibt. Doch – da steht eine, eine einzelne, und dort noch eine. Wie langsam und doch stetig sich alles verändert, unauffällig, und was unverrückbar erscheint, wandelt sich doch, auf ganz unspektakuläre Weise. Der Busch, der vorhin so furchtbar weit weg war, ist auf einmal hinter mir. Die Uhr von heute Morgen, in der Kirche in Atienza, kommt mir wieder in den Sinn. Meine Schritte sind wie dieses Pendel, jeder Schritt eine Maßeinheit für Lebenszeit. Ich bin nicht schnell, trotte so dahin, vier Kilometer komme ich wohl in einer Stunde vorwärts… was ist das schon? In einer Stunde meines Lebens bin ich vier Kilometer weiter gekommen. Wieviele Kilometer wären das in meinem ganzen Leben, wenn ich die Dauer meines Lebens wüsste? Könnte diese Zahl mein Leben, meinen Lebensweg, darstellen? Wie weit würde ich mit diesen Lebenskilometern ins Weltall vordringen können? Ich rechne es nicht aus. Der gleichmäßige Trott in der sengenden Sonne reduziert die Denkvorgänge auf ein Minimum. Ich sehne mich nach etwas Schatten, endlich gibt es ein kleines Gebüsch, wo ich rasten kann. In der Brotzeitdose ist noch Brot, ein Stückchen Käse und einige Oliven. In kulinarischer Hinsicht war die Ruta de la Lana bisher ziemlich einseitig… Sardinenbüchsen, Bocadillos und Tortillas… und die gegrillten Würste und der Speck… Wie gerne hätte ich hin und wieder einen Teller Gemüsesuppe oder grüne Bohnen! Den neunten Tag bin ich heute unterwegs, und hatte an frischen Früchten: 1 Kilo Aprikosen, 2 Pfirsiche, 3 Tomaten (die eine in der Casa Rural mitgerechnet), 1 Apfel, 1 Gurke. Einen knappen Kilometer nach der Rast liegt am Hang einer Senke Miedes de Atienza. Ich bin da.

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Auf dem Dorfplatz tummeln sich eine Menge Leute. Einer der Herren, die bei Bier und Wein an einem Tisch im Baumschatten sitzen und mich wohlgelaunt herbeiwinken, ist der Herr Bürgermeister. Er lässt es sich nicht nehmen, mich höchstpersönlich zur Herberge zu geleiten, ins ehemalige Schulhaus. Ein junger Mann, der im ersten Stock wohnt, nimmt mich in Empfang und kassiert fünf Euro. Michelle ist auch da. Es gibt eine Menge Betten, sogar drei übereinander, ein Teil des großen Raums bildet die Küche. Der Michelle geht’s wieder besser, sie hat geputzt. Den Fußboden im Saal gewischt und Klo und Dusche auf Hochglanz gebracht. „Ich kann es einfach nicht leiden, wenn es schmutzig ist. Dann fühle ich mich überhaupt nicht wohl, und dann putze ich eben!“ Nun, es kann mir nur recht sein. Allmählich finde ich mich mit der Fürsorglichkeit meiner „großen Pilgerschwester“ ab. Normalerweise bin ich es ja, die sich gern um alles kümmert, und die Rollenverteilung zwischen mir und Michelle ist für mich schon gewöhnungsbedürftig. Aber, wie heißt es so schön und wahr: „Der Camino gibt dir, was du brauchst.“ Und das ist nicht unbedingt immer das, was ich erwarte… Diesmal hat er mir die Michelle gegeben, damit ich lerne, Aufgaben aus der Hand zu geben und damit auf die Genugtuung zu verzichten, alles selbst getan zu haben.

Die Frauen in der Kirche putzen die Madonna für die morgige Prozession auf. Da wird geschäftig am goldbestickten, hellblauen Gewand der Tragefigur herumgezupft, zurechtgezogen, festgesteckt und das vollbrachte Werk wortreich bewundert. Ein prächtiges Bukett aus Lilien und Gerbera prangt vor dem Arrangement, ich schnuppere daran – „son de plastico“, verrät man mir. So offen und herzlich sind sie, diese Frauen, und sie zeigen mir allerhand weitere Schätze dieses Gotteshauses – die Figuren für die Semana Santa, den leidenden Jesus auf seinem Podest und den toten Jesus in dem tragbaren, verschnörkelten Kasten, in dem jetzt auch die aufschraubbaren Engel ganz durcheinander liegen wie arme, nackte Puppen in der Spielzeugkiste. Aber dann wird die Kirche zugesperrt, denn es gibt noch draußen zu tun! Vor dem Rathaus werden Tische zu langen Reihen zusammengestellt, Papiertischtücher festgeklebt. Im Rathaus herrscht Barbetrieb, ein Mordsgedränge, und in einem weiteren Raum wird gebrutzelt und gekocht, dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft, was mag es wohl geben? Paella vielleicht, Tapas, Empanadas? Ich hoffe sehr darauf, und ich werde kräftig zugreifen, denn der Laden ist heute geschlossen, wegen der Fiesta, klar. Halb neun ist es inzwischen, und auf den Tischen stehen die Getränke, Wein, Cola und Limo, und die Vorspeise – Kartoffelchips und Chorizoscheibchen. Der Platz füllt sich immer mehr mit buntem Volk. Miedes hat eigentlich nur um die sechzig Einwohner, aber heute sind sie alle da, die Onkels und Tanten und Nichten und Neffen und Enkel der Familien, die irgendwie von hier und aus der Umgebung stammen und ausgewandert sind. Ein heiteres, entspanntes Zusammensein der Generationen auf diesem großen Marktplatz, der heute seinen Zweck vollkommen erfüllt – als Festsaal und Spielplatz, denn auch die Pelotawand, das Fußballtor und die Spiel – und Sportgeräte für die kleinen und großen Kinder befinden sich hier am zentralen Ort, wie ich das oft in spanischen Dörfern sehe und was mir ausnehmend gut gefällt. Die Pilgerinnen gehören selbstverständlich dazu, überall ergeben sich lockere Plaudereien, beim Knabbern der Chips und beim Anstehen ums Hauptgericht, das jetzt von reizenden, weißbeschürzten jungen Damen ausgeteilt wird, aus großen, bauchigen roten Töpfen. Welche Köstlichkeiten mögen sie enthalten, diese geheimnisvollen Kessel? Endlich bin ich dran. Im ersten Topf sind – gekochte Würste! Im zweiten: heiße Chorizo, im dritten eine andere Art gekochte Würste und im letzten gebratene Fleischklößchen. Klar, zur Fiesta muss es Würste geben! Bei mir zu Hause in Bayern ist das nicht anders. Ein Glück, dass ich nur Halbvegetarierin bin. Im Nu sind die Töpfe leer, für einen Nachschlag reicht es nicht. Gerade noch rechtzeitig bevor alles abgeräumt ist kann ich die liebenswürdigen „Reinas de los pucheros“ fragen, ob ich sie fotografieren darf, und gerne posieren sie für mich. Mein Lieblingsfoto von der Ruta de la Lana!

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Während die sechs fleißigen Feen nun noch Gebäck herumreichen und die Tische in perfekt koordinierter Teamarbeit wieder verschwinden, bereiten sich die Musiker auf ihren Auftritt vor, denn der Abend wird mit Tanz ausklingen. Die Bühne verbirgt sich in einem Transporter, dessen Seitenwand einfach aufgeklappt wird, und das Kabel für die Elektrik wird in den Stromkasten an einer Hauswand gefummelt. Als die Sonne untergegangen ist, legt die zwei-Mann-Band los, der Sohn im Hintergrund am Keyboard, der Vater vorne mit dem Mikro. Ein begnadeter Entertainer, eine herzerwärmende Stimme. „Wir sind Spanier, und wir machen spanische Musik!“ Ach ja! Kein Krach, kein Techno oder Discosound. Aber viel „Emoción“… Spanienpop eben, fürs Gemüt. Und fast alle tanzen, hopsen, fröhlich und ungeniert. Vorn die Kinder, mit bunten Luftballons in den Händen. Ein Paar kann richtig Flamenco. Und etwas abseits drehen sich zwei Alte, bedächtig, aber unaufhaltsam. Keinen Tanz lassen sie aus. Von einem langen, gemeinsamen Leben zusammengeschweißt drehen sie sich als Einheit, ziehen ihre Kreise wie ein Planetensystem, das nichts aus der Bahn bringen wird. Lange beobachte ich sie, ein Bild, das mich zutiefst berührt. Ich tanze nicht, aber „Clavelitos“ kann ich mitsingen… Als der Sänger mit der sonoren Gänsehautstimme auch noch anstimmt „Cuando la tuna te dé serenata…“ spüre ich Tränen kommen. Santiago… ich werde diesmal nicht dort ankommen. Ich wandere einfach nur durchs Land. Aber nun ist doch die Sehnsucht angerührt… „No te enamores, compostelana…“, so sehr vertraute Klänge! Zeit, mich zurückzuziehen. Die Musik klingt weiter im Herzen, begleitet mich in den Schlaf. Ich bleibe wohl doch Pilgerin…

 

Etappenlänge:  13,3 km auf der Straße über Tordelloso und Alpedroches

oder: ca. 17 km auf dem „Camino del Cid rückwärts“ über Romanillos

Die Wegführung, die an Nuestra Señora del Val vorbei und durch den Wald nach Romanillos verläuft, ist in älteren Wegbeschreibungen nicht enthalten. Dieser Weg ist, wenngleich länger, wahrscheinlich angenehmer zu gehen als die herkömmliche Route auf der Autostraße. Hier ein Kartenausschnitt:

Atienza romanillos Miedes

Auch, wenn die üblichen Unterkunftsverzeichnisse nichts von ihr wissen – es GIBT eine Herberge in Miedes de Atienza! Im ehemaligen Schulhaus, am Ortsrand gegenüber der Kirche. Mehrere Stockbetten, Decken, Kochmöglichkeit (Geschirr und zum Kochen Notwendiges wie Öl und Gewürze war bei meinem Aufenthalt vorhanden). Ein Mann (ein Musiker 🙂 ), der in dem Gebäude wohnt, kümmert sich um die Herberge.  5 Euro.

Wenn in Miedes nicht gerade Fiesta ist, scheint es eine Bar und einen Lebensmittelladen (Metzgerei) zu geben.

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