Durch den Cañon de Caracena. Von Miedes de Atienza nach Fresno de Caracena, 10. Wandertag

Sonntag, 11. Juni 2017

Nun stehe ich auf der Passhöhe, dem „Alto de la Carrascosa“, 1380 m hoch. Die Wegbeschreibung hatte die vier Kilometer bis hier herauf als einen „schwierigen Aufstieg“ angekündigt, aber so schlimm war es gar nicht. Im Gegenteil – ein stiller, einsamer Pfad durch karge Landschaft, zu der frühen Stunde noch angenehm kühl.

Um sieben bin ich heute aufgestanden, die Michelle war schon weg. Ich habe Pulverkaffee in der Küche gefunden und mir eine Tasse aufgegossen, eine widerliche Brühe ohne Milch und Zucker, aber besser als gar nichts, und dazu gab´s ein paar Kekse, die mir die Michelle geschenkt hatte. Heute möchte ich bis Fresno de Caracena, 32 km. Eigentlich hatte ich Caracena als Etappenziel ins Auge gefasst gehabt und eine Übernachtung im Freien, im Vorhof der als besonders sehenswert angekündigten romanischen Kirche. Aber nun werde ich meiner Weggefährtin bis Fresno folgen, denn als unabhängige „Einzelkämpferin“ kenne ich mich schon, während die „Kleine-Schwester-Rolle“, die ich bei Michelle einnehme, durchaus noch eine interessante Möglichkeit der Selbsterfahrung bietet.

Hier auf dem Pass verlasse ich die Provinz Castilla La Mancha. Vor mir liegt die Provinz Soria und damit die Comunidad Autónoma Castilla y Leon. Die schmale Sträßlein, in das sich der Bergpfad kurz vor dem Pass eingefädelt hat, wandelt sich genau an der Grenze zu einer zweispurig ausgebauten, breiten Asphaltstraße, auf der kein einziges Auto fährt, und ich frage mich, wozu so eine Straße nötig ist zu Dörfern, in denen gerade mal eine Handvoll Leute lebt. Ein Verkehrsschild zeigt an, dass es nach Retortilla noch drei Kilometer sind. Windräder säumen wieder den Weg, und ich finde sie schön, diese Reihen aus eleganten, bewegten Gebilden. Sie gehören für mich zu den spanischen Landschaften.

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Retortilla empfängt mich mit einem beachtlichen Stadttor und stattlichen, steinernen Häusern. Ich schaue in die Kirche hinein, und da ist Messe. Gerade wird das Gloria angestimmt, ich habe also noch nichts Wesentliches verpasst und beschließe, da zu bleiben, schließlich ist Sonntag. So unauffällig wie möglich drücke ich mich in eine der hinteren Bänke. Hier hinten sitzen die Männer, wie mir jetzt erst auffällt, den Frauen gehören die vorderen Reihen. Im Altarraum ziehen zwei Kinder die Aufmerksamkeit auf sich, ein Mädchen in weißem Kleidchen und ein noch kleinerer Bub im Fussballshirt, sie verhalten sich sehr ungezwungen, kichern, zappeln und laufen herum, und es dauert eine Weile, bis mir klar wird, dass die beiden die Messdiener sind. Ja, die Messe ist hier keineswegs eine steife Angelegenheit! Mit Begeisterung wird gesungen, und der Friedensgruß ist ein großes „Abrazos y besos“… Spätestens jetzt haben alle bemerkt, dass eine fremde Pilgerin anwesend ist, und beim Gang zur Kommunion begegnen mir von allen Seiten freundliche und ein bisschen neugierige Blicke. Die große Überraschung aber kommt beim Schlusssegen – der Priester begrüßt die Pilgerin und erteilt mir vom Altar aus einen extra Pilgersegen! Worauf die Gemeinde voller Inbrunst ein wohlbekanntes Lied anstimmt – Santa Maria del Camino. Zweistimmig, in Terzen, dass es so recht ans Herz rührt! „Ven con nosotros a caminar, Santa María, ven…“ Wie sollte ich da die Tränen zurückhalten? Kaum ist der Priester ausgezogen, bin ich von den Dorffrauen umringt, beantworte die üblichen Fragen und äußere meine Bewunderung über die schöne Kirche, denn die ist ein wirkliches Kleinod. Dreischiffig, die hohen, runden Säulen fasern sich zu den Gewölben hin in feine Verästelungen auf, die sich zu einem kunstvollen Muster verweben, wie Sterne oder Blüten. Die Apsis ist mit wunderbarer Holzschnitzerei ausgekleidet, ganz unbemalt, unvergoldet, in der Mitte des Hochaltars steht San Pedro, der Kirchenpatron, und ganz oben erhebt ein herrlicher Erzengel Michael das Schwert über dem besiegten dreihörnigen Teufelstier. Und dann, auf der Empore an der Seitenwand, die barocke Orgel, die ihre spanischen Trompeten in den Raum streckt, ganz zerbeult sind sie, haben wohl schon lang keinen Ton mehr von sich geben dürfen, wie schade! Aber woher sollte das nötige Geld für eine Restaurierung kommen? „Ja, unsere Kirche ist voller Reichtümer, doch das Wertvollste ist ein holländischer Reliquienschrank. Komm mit!“ Eine der Frauen führt mich zu einem bemalten Seitenaltar, der sich öffnen lässt. Drinnen kommen geschnitzte Büsten von Heiligen zum Vorschein, Reliquienbehälter, und eine Menge Knochen in einer Art Vitrine. Ich verstehe allmählich, warum all die Dorfkirchen abgesperrt sind. Hier verbergen sich ungeahnte Schätze. Auch jetzt klappert die Mesnerin mit dem Schlüssel, für Fotos bleibt keine Zeit mehr.

Ein Frühstück wäre jetzt Recht. „Ja, geh mit uns, wir gehen alle zur Bar!“ Ich lasse mich in dem schnatternden Frauengrüppchen mittreiben, das sich gemächlich auf ein unscheinbares Gebäude zubewegt. Die niedrige Holztür öffnet sich quietschend zu einem dunklen Raum. Sehr rustikal sieht es da aus, etwas archaisch, so wie ich das eigentlich mag, aber mein erster Blick erfasst ganz nüchtern die Lage: hier gibt es wohl Bier und Anderes, aber keinen Kaffee. Jedenfalls nicht das, was ich mir im Moment unter Kaffee vorstelle… Das erkläre ich auch den liebenswürdigen Dorffrauen, und die wissen Rat: „Geh zum Hostal, das ist am Ende des Dorfs. Da gibt’s eine Kaffeemaschine, und da bekommst du auch etwas zu essen!“ So ist es. Die Wirtin des Hostals „La Muralla“ ist zudem ausgesprochen pilgerfreundlich. Sie drückt mir einen Stempel ins Credencial. „Nach Fresno gehst du? Ja, da kannst du im Rathaus übernachten. Sehr komfortabel ist es da aber nicht, und es gibt keine Dusche.“ Im gepflegten Garten des Hostals genieße ich mein zweites Frühstück, ein kurzes, denn der Hauptteil der heutigen Etappe liegt noch vor mir, und der verspricht zwei Ereignisse, auf die ich mich besonders freue – den Cañon von Caracena und den Ort Caracena mit der Kirche San Pedro.

Also hinaus auf die Straße. Das breite, graue Band zieht sich durch die weiträumige Landschaft, windet sich in der Ferne eine Hügelkette hinauf.

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Ein Schild weist die Autofahrer darauf hin, dass diese Straße von Radfahrern frequentiert sei und dass deshalb vorsichtig zu fahren sei. Oh ja, der Gedanke an ein Fahrrad hat etwas ausgesprochen Verlockendes! Zu Fuß fühle ich mich hier wie eine Schnecke. Eine Dreiviertelstunde krieche ich jetzt schon auf dem Asphalt dahin, ohne dass sich das Landschaftsbild merklich verändert hätte… Und Autos? Bisher kam keines vorbei. Kaum habe ich das gedacht, vernehme ich hinter mit ein fernes Geräusch – ich habe mich getäuscht, es gibt hier doch ein Auto! Und ich brauche kaum den Arm auszustrecken – es hält an, und schon sitze ich neben einem Menschen, dessen braungebranntes Gesicht mit den verschmitzten Augen, dem Dreitagebart und dem qualmenden Glimmstengel im Mundwinkel einen interessanten Gegensatz zu dem makellos weißen Hemd und der gebügelten schwarzen Hose bildet. „Ich fahre zur Arbeit. Ich bin Kellner in einem Hotel in Tiermes. Das ist eine Ausgrabungsstätte hier in der Nähe, uralt, sehr bekannt. Eine Menge Touristen. Da bediene ich am Wochenende. Zwei Tage Arbeit und“ – er grinst und bläst eine Rauchwolke ins Auto – „ cinco días feliz“! Fünf Tage glücklich… „Ich verdiene nicht viel, aber das reicht. Ich brauche ja nichts. Hab mein Haus im Dorf, hab meine Ruhe. Lang schlafen, Schwimmen gehen, Ausflüge machen – durch den Cañon de Caracena willst du? Sehr gute Idee. Da war ich oft. Großartig. Impresionante. Einen Haufen Geier gibt’s da. – Hier lass ich dich raus, da gleich rechts führt der Weg in die Schlucht“. Er hält an, kurz vor dem Ort Tarancueña. „Guten Weg!“ Der fröhliche Lebenskünstler gibt Gas und rauscht davon. Ich bereue es keineswegs, „geschummelt“ zu haben. Im Gegenteil. Die kurze Fahrt hat mir nicht nur ein paar langweilige Kilometer erspart, sondern mir auch eine herzerfrischende Begegnung geschenkt.

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Ich mache doch noch einen kleinen Rundgang durch den Ort Tarancueña, finde aber nichts Bemerkenswertes. Niemand auf der Gasse, die Kirche zu, die Bar verspricht, um dreizehn Uhr zu öffnen, es ist aber erst zwölf. Also lösche ich den Durst an dem Brunnen, der da an der Abzweigung plätschert, und vertraue mich dem Sandweg in Richtung Cañon an. Der ist zunächst noch nicht besonders eindrucksvoll. Am Bach entlang, in einem von felsigen Erhebungen gesäumten Tal. Einmal dreht ein Geier einen Kreis durch die Luft, zieht sich aber gleich wieder zurück, wahrscheinlich gilt die Siestazeit auch für spanische Geier. Rot-weiße Markierungen, ganz selten einmal ein verblasster gelber Pfeil. Die Piste wird zum Pfad, bald geht’s über Stock und Stein, mal über Felsen, dann wieder unmittelbar am Wasser entlang, durch sumpfige, verschilfte Bereiche, auf Trittsteinen über den Bach, der langsam dahinfließt und nun, im Juni, wenig und recht trübes Wasser führt. Nach und nach wird die Umgebung wilder. Die Felsen rücken zusammen, bilden phantastische Formen. Die Mittagshitze staut sich in dem windstillen Tal, die Luft schmeckt nach würzigen Kräutern, nach Lavendel und Weihrauch. Bienen trinken an flachen Pfützen. Mein Wasser in der Flasche ist brühwarm. Und dann finde ich mich unversehens in einem gewaltigen Felsenspektakel, wild und schroff, eine perfekte Kulisse für die spannendsten Szenen in einem Wildwestfilm! Der Weg führt hinauf zu einem Durchschlupf im Gestein, einem natürlich entstandenen Brückenbogen, der ein wenig Schatten und einen leichten Luftzug bietet. Da werfe ich den Rucksack ab und lasse mich zu einer Rast nieder, denn mir ist ein bisschen schwindlig. Ist es tatsächlich so heiß, oder bin ich heute einfach nicht gut in Form? Auf jeden Fall lohnt es sich, hier etwas zu verweilen! Geier segeln vorbei, ganz nah, und in der Ferne ziehen Wolkentiere über den Himmel. Einen Moment lang spüre ich mich als einen kleinen Teil dieser gewaltigen Natur. – Das Felsenauge ist der Höhepunkt in dem Landschaftsspektakel. Bald wird das Tal sanfter, wird waldig, schattig, und als ich durch die Baumwipfel nach oben blicke, leuchtet auf einmal die in warmem Ockergelb gestrichene Apsis einer Kirche an der Kante des Hochufers auf. Caracena. Ein kurzer, steiler Aufstieg bringt mich hinauf.

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Ich hatte von den wertvollen Bauten in Caracena gelesen, den beiden romanischen Kirchen und der Burg, und ich hatte mir ein vielleicht etwas touristisches, jedenfalls aber belebtes Städtchen ausgemalt mit Geschäften und Bars und einem Restaurant… wie sehr habe ich mich getäuscht! Ja, als ich aufgebrochen bin auf diesen Jakobsweg, hatte ich keine Vorstellung davon, in welche menschenverlassenen Abgeschiedenheiten er mich führen würde… Nun stehe ich in einem Bergdorf, inmitten einer kargen, von felsigen Schluchten durchfurchten Weite, in einem Ort, der auf mich wirkt, als würde er nicht zur Welt gehören. Staunend gehe ich die Gasse hinauf zwischen den sonnenbeschienenen Mauern und Fassaden aus rötlich schimmernden Steinen, die aber keineswegs leer und abweisend wirken, sondern freundlich und einladend, so, als lägen sie in einem Schlaf, und ich fühle mich hier vertraut und doch fremd, als befände ich mich in einem Traum. Alles erzählt hier von einer längst vergangenen Zeit, zu der dieses Caracena eine durchaus nicht unbedeutende Stadt gewesen sein muss, die aber dann irgendwie in Vergessenheit geraten ist. Die Öde und Unfruchtbarkeit des Landes machten wohl den Broterwerb unmöglich. – Die Kirche San Pedro finde ich am oberen Ende des Dorfs. Ein einfacher Bau aus Bruchstein, mit einem geraden, eckigen Turm, aber die Vorhalle mit den sieben Bögen ist ein Juwel. Die Kapitelle der Doppelsäulen erzählen vergessene Geschichten, von Rittern auf Pferden, in Kettenhemden mit Spießen kämpfend, Schilde und Schwerter erhebend. Von Fabelwesen, Zentauren mit Bogen und Pfeil, von der Wildschweinjagd… Besonders die vogelköpfigen Sirenen, die Löwen und Harpyien erinnern mich an die Kapitelle, die ich aus dem Kreuzgang des Klosters Santo Domingo de Silos kenne, und ebenso wie dort gibt es auch hier eine vierfache, in sich gedrehte Säule. Schwalben flitzen pfeifend durch die Bögen aus und ein, das Licht spielt Schattenspiele, und ich verweile lange an diesem märchenhaften Platz.

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Caracena besitzt auch eine Burg, ein Fußweg dorthin ist ausgeschildert, aber ich beschließe, nicht hin zugehen. Ich hätte es doch tun sollen, wie mir später erst klar wird, denn auch diese Burg ist etwas sehr Besonderes. Aber jetzt interessiert mich doch vor allem, was sich hinter der Tür unter der unscheinbaren Aufschrift „Bar“ verbirgt, die mir vorhin aufgefallen ist. Auf der Schwelle schläft ein zottiger Hund, ich drücke die Klinke und bin überrascht: die Tür lässt sich tatsächlich öffnen! Drinnen erwartet mich die Gemütlichkeit einer Berghütte. Schwere Balken, die die hölzerne Decke tragen, rustikale Tische. Gerahmte Bilder von Schafen an der Wand, ein Plakat zeigt die Schafrassen Spaniens. Daneben ein Bildschirm, über den irgendein Fernsehprogramm flimmert. Trotz der traditionellen Einrichtung ist nichts Dumpfes oder Abgestandnes zu spüren. Hier fühle ich mich sofort wohl. Den jungen Mann, der hinter der Theke beschäftigt ist, frage ich, ob es wohl möglich sei, hier etwas Frisches zu bekommen, einen Salat oder eine Gurke… Ach, ich hätte solche Lust auf Gemüse, auch wenn es mir höchst unwahrscheinlich erscheint, dass solche ausgefallenen Wünsche ausgerechnet hier, am weltfernsten Ort, erfüllt werden sollten. Indes, der Junge nickt, und die Art, wie er spricht, ist sehr höflich, ganz still und zurückhaltend. „Wir haben ein Gaspacho, eine kühle Suppe mit Knoblauch, wenn dir das Recht wäre? Und eine Gurke, gewiss – ich bringe es, wenn du möchtest“. Während er das Versprochene holt, richtet sich meine Aufmerksamkeit auf den Fernseher, denn da läuft gerade der Wetterbericht. Unglaublich – bis zu 38 Grad werden für die Gegend hier gemeldet. Die nächsten Tage werden nicht kühler. Und wir haben noch nicht einmal Mitte Juni! Liegt es an der Hitze, dass mir das Gaspacho, das mir jetzt in einer Tasse serviert wird, als die köstlichste Speise erscheint, die ich je genossen habe? Oder ist es verzaubert? Eher Letzteres, genauso wie alles hier… Ein Herr, der Vater des jungen Mannes, betritt den Raum und beginnt ein Gespräch mit mir. Als er hört, dass ich mich für die romanische Kirche interessiere, schlägt er mit Leichtigkeit den Bogen zu den romanischen Domen in Deutschland, findet zu Reformation und Gegenreformation, lässt ein erstaunliches Wissen erkennen, mit der inneren Glut der Begeisterung und gleichzeitig äußerster Bescheidenheit… Dann findet er zu seinem geliebten Kirchlein San Pedro zurück. „Es sind zwei romanische Madonnenfiguren darin, eine aus dem 13. und eine spätere aus dem 14. Jahrhundert. Wenn du sie vergleichst, wirst du sehen, wie sich die Auffassung der Jungfrau in diesen hundert Jahren geändert hat. Die ältere liebe ich mehr… Mein Sohn kann dir die Kirche aufschließen, wenn du möchtest. Er studiert Historia de Arte.- Ich werde nun nach meinen Schafen sehen, ich habe eine Herde in den Bergen, eine spezielle Rasse. Adios, und guten Weg!“ Ein Hirte also, und Barbetreiber in einem Ort mit acht Bewohnern, und ein so wacher und gebildeter Geist… Dankbar nehme ich die Gelegenheit wahr, das Kirchlein von innen anschauen zu dürfen. Ein geschnitzter, barocker Altar, an den Seitenwänden die alten Madonnen und im Hintergrund noch eine dritte, große, die für Prozessionen verwendet wird, ganz von blauem Stoff verhüllt, nur ein runder Ausschnitt des Gesichts ist freigelassen, mit weit aufgerissenen Augen starrt sie heraus aus ihren Kokon. Der Hirtensohn und Kunstgeschichtsstudent wartet dezent, bis ich fertig bin mit Schauen. Auf einem Tisch am Ausgang ist ein Kästchen und ein Zettel, es wird um eine Spende für die Kirche gebeten. Aber ich drücke die Münzen lieber dem freundlichen Jüngling in die Hand, und er steckt sie lächelnd ein.

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Inzwischen ist es halb fünf am Nachmittag und immer noch so heiß. Und der Gedanke, dieses zauberhafte Caracena jetzt einfach zu verlassen und dann vielleicht nie mehr wiederzusehen ist fast schmerzlich. Aber ich brauche mich ja nicht zu beeilen. Da gibt es noch das eine oder andere Bild, das ich in meinem Herzen mitnehmen möchte von diesem Ort. Vage Spuren von maurischer Vergangenheit. Der barocke Pranger aus einer Zeit, die vergleichsweise noch gar nicht so lang zurückliegt… und die zweite Kirche, Santa María, die, die ich vom Tal aus gesehen hatte. Sie bietet nun Schatten und einen weiten Blick über die rauen Hügel. Ich lege mich ins Gras, werde warten, bis es kühler geworden ist. Ich könnte doch einfach hierbleiben… nochmal hinuntergehen an den Rio Caracena und dort ein Bad nehmen, dort unten sah das Wasser frisch und klar aus. Noch einmal diese einladende Gaststube besuchen, in der es so köstliches Essen und so wunderbare Menschen gibt. Im Portico von San Pedro meine Matte ausbreiten, zu den Sternen schauen, ungestört von künstlichen Lichtern, und vielleicht würden die steinernen Simsfiguren in der Dunkelheit zu mir sprechen…

Die Schatten werden länger. Fresno ist voraussichtlich ein wenig attraktives Kaff. Aber dort wartet die Michelle, und ich habe versprochen, zu kommen. Knapp neun Kilometer sind es noch bis dorthin. Ich breche auf.

Auf der schmalen Teerstraße, die in Caracena endet, trotte ich nun wieder ins Tal des Rio Caracena hinunter. Rechts in der Landschaft spannt sich der Bogen der alten Brücke über den Fluss, aber der Weg, für den sie vor siebenhundert Jahren gebaut wurde, führt jetzt nirgendwo hin. Immer noch die Hitze, der Schweiß rinnt. Ich ziehe das Hemd mit den langen Ärmeln, die mich vor der Sonne schützen, aus, aber jetzt stürzen sich die Fliegen in Schwärmen auf mich und wollen mich fressen. Ich ziehe das Hemd wieder an und lege etwas an Tempo zu, um den Biestern zu entkommen. Nach einer halben Stunde komme ich an einer Kapelle vorbei, der Ermita de la Virgen del Monte. In der Nähe soll es eine „Atalaya arabe“, einen Wachturm aus maurischer Zeit geben – ja, das muss er sein, da oben auf dem Hügel, aber mehr als einen einfachen runden Turm aus grauen Steinen scheint es da nicht zu geben, ich steige nicht hinauf. Viel mehr interessiert mich der Bach, der sich inzwischen zu einem klaren Flüsschen gemausert hat und verlockend hinter Büschen und Uferbäumen plätschert. „In Fresno gibt es keine Dusche…“ hat heute Morgen die Frau in der Bar in Retortillo gesagt. Endlich finde ich eine geeignete Stelle, wo ich etwas abseits der Straße, im Schatten eines Pappelhains, meiner Lust auf ein Bad nachgeben kann. Ich brauche nicht zu befürchten, hier beobachtet zu werden, seit Caracena war ich völlig allein auf der Straße. Herrlich erfrischend umspült mich die sanfte Strömung und wäscht mir Schweiß und Schmutz von Haut und Haaren. Gerade, als ich neben einer Brücke wieder zur Straße hinaufklettere, höre ich ein Motorengeräusch. Ohne lang zu überlegen, winke ich dem herannahenden Auto, eigentlich nur so pro forma – und bin total überrascht, dass es tatsächlich anhält! „Ich kann dich nach San Esteban mitnehmen, steig ein!“ fordert mich der Fahrer freundlich auf. „Danke! Aber ich möchte nur nach Fresno, ungefähr fünf Kilometer. Da treffe ich mich mit meiner Compañera“. Und so kommt es, dass ich wenige Minuten später an meinem heutigen Ziel angekommen bin.

Dieses Fresno de Caracena ist nun von anderem Charakter als die Orte, die ich zuletzt durchwandert habe. Die Verlassenheit, der Verfall fühlt sich hier nicht romantisch an, sondern traurig und bedrückend. Hier sind die Häuser nicht aus Stein, sondern aus Lehmziegeln. Manche sind verputzt, manche vom Zahn der Zeit zerfressen, so dass nur noch ein Gerippe aus verwitterten Balken übrig ist. Manche schadhafte Stelle hat man einfach mit Zeitungen oder Plastiksäcken gestopft oder mit Planen vernagelt. Ich rufe die Michelle an und wir treffen uns auf der Straße. „Das ist ein völlig heruntergekommenes Quartier hier. Im Rathaus. Keine Betten, keine Dusche, und total verdreckt. Zu essen gibt’s hier auch nichts, und ich habe schon überlegt, ob wir nicht ein Taxi rufen und nach San Esteban fahren sollen. Naja, schau es dir erst mal an.“ Sie schließt eine etwas schäbige verglaste Metalltür auf. In den Ecken des Flurs liegt Schmutz und vertrocknetes Laub, das offensichtlich vom letzten Herbst stammt. Im ersten Stock ist der Raum für die Pilger: ein Abstellraum für nutzlos gewordenes Gerümpel. Kaputte Öfen, diverse Modelle alter Stühle, aufeinandergestapelt und von einer dicken Staubschicht überzogen. Ein Kunstledersofa, zu kurz, um darauf zu schlafen, aber man kann die Polster auf den Fußboden legen. „Ich habe hier gewischt, und auch die Toilette geputzt. Das sah ja furchtbar aus. Ich verstehe das nicht… denken sich die Leute nichts dabei, so etwas anzubieten? Was meinst du – bleiben wir da? In San Esteban gibt es ein Hotel, fünfundzwanzig Euro das Zimmer, ich habe schon angerufen und gefragt.“ Ich habe eigentlich keine große Lust, nach San Esteban zu fahren. „Mir macht es nichts aus, hier zu übernachten. Ich habe meine Matte dabei, damit leg ich mich auf den Boden, und du kannst gern die Polster haben. Ehrlich. Und morgen können wir dann ins Hotel gehen!“ Michelle ist einverstanden, und sie ruft gleich nochmal in dem Hotel in San Esteban an, um für morgen zwei Zimmer zu reservieren. Perfekt. Was noch nicht klar ist: was gibt es zu essen? Michelle hat eine Dose Thunfisch im Rucksack, und Kekse. Ich habe – nichts. Nun denn, gehen wir auf Futtersuche, vielleicht findet sich ja doch etwas im Dorf… Da steht ein Mann vor seinem Haus. Einer der zehn Bewohner Fresnos. Michelle begrüßt ihn, die beiden haben sich heute schon kennengelernt. Nach kurzer Vorrede kommt sie gleich zur Sache. „Wir sind hungrig. Hast du nicht etwas zu essen für uns?“ Sie sagt es scherzhaft, der gute Mann, nennen wir ihn José, geht nicht darauf ein, aber sie lässt nicht locker. „Ein Bier hast du doch sicher im Haus! Möchtest du nicht zwei nette Pilgerinnen einladen? So ist dir heute Abend nicht langweilig!“ Ich bin baff, sie geht ganz schön forsch vor, die Michelle. Sie wickelt ihn kunstgerecht ein, spanisch spricht sie ja wie eine Einheimische. Schließlich muss José sich geschlagen geben. „Möchtet ihr Wein?“ „Ja, Wein! Gerne!“ mische ich mich jetzt ein. Schon stehen wir in seiner Küche. Aufgeräumt hat er nicht, aber das spielt jetzt keine Rolle. Er schafft einen Stapel Zeitungen von einem Stuhl weg, schiebt einen Platz auf dem Tisch frei, nimmt einen Porrón vom Regal und füllt ihn mit Rotwein. Aha, jetzt ist er am Zug… José gießt sich mit ausgestrecktem Arm einen wohlgezielten Strahl in den Mund und reicht mir das gläserne Gefäß mit dem langen Schnabel. Ha, der weiß nicht, was für eine Steilvorlage er mir da gibt! Ohne mit der Wimper zu zucken kann ich ihm Paroli bieten, nicht umsonst habe ich diese Kunst heimlich geübt. Michelle kann´s nicht, sie kleckert sich voll, es gibt ein großes Gelächter, und nun bekommen wir Gläser. Randvoll. Soviel Wein auf leeren Magen, das ist natürlich nicht ohne Tücken. Ein paar Scheibchen Chorizo und ein kleines Stückchen Brot findet unser etwas unfreiwilliger Gastgeber noch für uns. Und eine Tüte voll Walnüsse, mit denen ich zum zweiten Mal an diesem Abend punkten kann, denn die knacke ich mit bloßen Händen – aber ansonsten verhalte ich mich still und überlasse die Konversation der Michelle. Und die sprüht vor Witz und Charme, so dass es unser gutmütiger José gewiss nicht bereuen wird, zwei Pilgerinnen eingeladen zu haben.

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Gegen zehn verabschieden wir uns dankbar und mit vielen Abrazos. Draußen ist es noch hell und warm. Eine Weile sitze ich noch allein vor der Kirche am Ende des Dorfs. Grillen und Grashüpfer geben ihre Serenade, der Geist von Josés Rotwein tanzt dazu in meinem Kopf. Dann ziehe ich mich auf meine Matte zurück, in den Sitzungssaal eines Rathauses in einem abgelegenen, fast verlassenen Dorf irgendwo in der Provinz Soria.

Etappenlänge: ca. 32 km

Retortilla de Soria wird in den gängigen Wegbeschreibungen als Etappenziel von Atienza aus vorgeschlagen. In Retortilla gibt es, sofern man nicht gerade Sonntag Mittag dort eintrifft, Versorgungsmöglichkeiten. Eine Herberge gibt es in Retortilla nicht, aber ein Hostal: „La Muralla“,  http://www.la-muralla.com   Tel. 975345053  , 975055047

In Caracena lohnt sich außer den beiden Kirchen eventuell ein Besuch der Burg (was ich leider versäumt habe): https://es.wikipedia.org/wiki/Castillo_de_Caracena

Es gibt in Caracena eine sehr sympathische Bar, aber keine Übernachtungsmöglichkeit, sofern man nicht z.B. unter dem Vordach von San Pedro schlafen möchte, was bei gutem Wetter gewiss nicht ohne Reiz ist.

In Fresno de Caracena besteht die Möglichkeit, im Rathaus zu übernachten. Fußboden, keine Dusche.  Tel. 975363023 (Ayuntamiento).   Keine Einkaufsmöglichkeit.

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„Pilgerzimmer“ im Rathaus von Fresno

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