Von Santo Domingo de Silos nach Mecerreyes, 14. Wandertag

Donnerstag, 15. Juni 2017

Look, the bear!“ Die spanische Führerin deutet nach oben zur Holzdecke, und ein gutes Dutzend koreanischer Augenpaare folgt ihrem Fingerzeig. „You see the bear?“ Ratlosigkeit. „Bor? Bar?“ „Here, here, the bear!“ Die spanische Führerin gibt sich alle Mühe, ihre Aussprache des Englischen klingt auch nur ein ganz kleines bisschen spanisch. „Bear, bear!“ vesucht sie es noch einmal, besonders deutlich. Die Koreanerinnen diskutieren, raten. „Bear?“ „Bear…“ „Bear!“ Bei der koreanischen Dolmetscherin ist der Groschen gefallen, sie ruft das Wort auf koreanisch. Jubel, Erleichterung, „Oh“, „Ah“, „Yes, a bear!“ Wieder wenden sich die Köpfe nach oben zu den Deckenmalereien aus dem 14. Jahrhundert, und man bewundert die schwer erkämpfte Bärenjagd.

Eine Zeitlang genieße ich diese amüsante spanisch-englisch-koreanische Führung durch den Kreuzgang des Klosters Silos. Als ich, nach dem Besuch der Laudes und einem Frühstück in meinem Lieblingslokal, pünktlich um Zehn zum Besuchereingang des berühmten Kreuzgangs gekommen bin, war da bereits jede Menge Trubel. Eine Gruppe trägt Wanderschuhe und Outdoor-Outfit und unterhält sich auf Deutsch. Vermutlich eine dieser Buspilger-Gruppen, die zu den kunsthistorisch sehenswerten Orten am Jakobsweg fahren und ausgewählte Abschnitte zu Fuß gehen, warum nicht. Etliche Leute aus meinem Bekanntenkreis haben solche geführten Pilgerreisen unternommen und waren begeistert! „Seid ihr Pilger?“ spreche ich eine meiner Landsmänninnen an. Sie betrachtet mich etwas irritiert und wendet sich einfach ab… ach so, sie hat ihren Audioguide im Ohr. Die Deutschen fotografieren, was das Zeug hält. Nicht einfach so mit dem Smartphone drauflos, wie ich das bei den Japanern beobachte, sondern ernsthaft, mit richtigen Kameras und sorgfältiger Auswahl der Motive… Nun, ich rede mich leicht! Schließlich habe ich mich, was das ausführliche Dokumentieren dieser großartigen Doppelsäulen, Kapitelle und Reliefs betrifft, bereits letztes Jahr austoben können und habe nun Muße, mich von spontanen Eindrücken bezaubern zu lassen. Wandle unter den Säulen wie in einem Wald, in dem die Fabelwesen auf mich herabschauen. Schreite über das Bogenmuster, das die klare Morgensonne als scharfen Schatten auf das Kieselsteinmosaik des Fußbodens wirft. Labe mich an dem satten, üppigen Grün der Bepflanzung, dem geradezu unverschämten Rosa der Rosen. Heute gelingt es mir nicht so gut, mich auf einer tieferen Ebene auf diese mysteriösen Darstellungen einzulassen, der Botschaft dieser mit begnadeter Kunstfertigkeit geschnitzten Steine zu lauschen, vielleicht, weil heute viel Unruhe herrscht in diesen monastischen Wandelgängen, Unruhe aber auch in mir, weil ich ans Aufbrechen und weitergehen denke. Die Szenen in den Eckpfeilern jedoch, die alle von der Gegenwart des Auferstandenen im Irdischen zeugen, von der Kreuzabnahme Jesu bis zum Pfingstereignis, die berühren mich auch heute. Und die Darstellung von Christus mit der Pilgertasche, der die Jünger auf dem Weg nach Emmaus führt, die Ikone der Pilgerschaft, nehme ich im Herzen aufs Neue mit auf den Weg.DSCF8052

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Dann hole ich meine Sachen aus der Herberge, lege den Schlüssel auf den Tisch und ziehe die Tür hinter mir zu. Trinke noch einen Kaffee in der Bar mit Michelle und ihrer Schwester, die schon von ihrem Ausflug in die Yeclaklamm zurück sind. Kaufe etwas Proviant und kehre Santo Domingo de Silos den Rücken in der Zuversicht, dass es kein Abschied auf immer ist – zu nahe ist dieser Ort meiner Seele.

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Ich nehme nicht die markierte Route. Etwa fünf Kilometer von hier gibt es eine präromanische Ermita, die der Heiligen Cäcilia geweiht ist, der Patronin der Musik. Grund genug, vom „offiziellen“ Weg abzuweichen. Zunächst aber liegt die „Ermita de Santiago“ am Weg, eine kleine, unbeachtete Kapelle, aber ein Hinweis, dass ich doch auf dem „richtigen“ Weg bin! Dann das Tal des Río Mataviejas, zur Linken der Blick auf einen Einschnitt in den Bergen, die Yecla-Schlucht. Pures Lustwandeln! Nach einer Stunde ein Rastplatz am Flüsschen, am alten Brückenbogen unter Pappeln, und darüber, oben am Hang, die Ermita. Die Vögel zwitschern um die Wette mit dem silbrigen Singen des Laubs. Wer würde an so einem einladenden Platz nicht eine Zeitlang verweilen! Heute muss ich nicht hetzen, die Etappe ist überschaubar. Es ist kurz nach Eins, ich packe Obst und Joghurt aus und hänge die Füße ins Flüsschen. Dann klettere ich die paar Meter hinauf zum Kirchlein. Wie eine aus dem Hügel herausgewachsene steinerne Blüte steht es da, eine vollkommene Einheit aus Landschaft und Menschenwerk, bescheiden und von entzückender Anmut. In fünf Arkaden öffnet sich der Vorbau nach Süden wie eine Aussichtsterrasse. Freilich ist das Portal in dem einfach verzierten Rundbogen verschlossen. Die Römerstraße nach Clunia sei hier verlaufen, habe ich gelesen, und die Kirche stamme vom Beginn des 10. Jahrhunderts. Etwas unterhalb entspringt aus dem Felsen eine Quelle, und ich bedauere fast, dass es nicht Abend ist und ich am Tagesziel bin. Für romantische Gemüter wäre hier der perfekte Lagerplatz!

 

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Das nächste Dorf, Santibánez del Val, ist nicht weit, ich durchquere es und finde mich an der Straße, der ausgebauten Provinzstraße nach Covarrubias. Ein gelber Pfeil zeigt – zurück! Was soll das bedeuten? Vielleicht zweigt irgendwo ein Weg ab… Ein paar Minuten gehe ich in Pfeilrichtung, ohne eine weitere Markierung zu entdecken. Dann kehre ich um. (Zur Abzweigung in den Wald hinauf hätte ich noch weiter zurückgehen müssen). Mundicamino folgt hier der Straße, dann folge ich halt Mundicamino. Straßen bin ich ja nun schon gewohnt, und ich möchte einfach nur nach Covarrubias… Nun, es zieht sich schon recht auf dieser Straße. Immer aufwärts, unter der glühenden Mittagssonne. Eine schweißtreibende Angelegenheit! Zur Linken der Abhang ins Tal, zur Rechten schütterer Eichenwald. Für ein paar hundert Meter kann ich auf eine Forstpiste ausweichen, dann muss ich zurück auf den Asphalt. Endlich ist eine Passhöhe erreicht, schon von Weitem erkenne ich einen Schriftzug, den jemand auf die Fahrbahn gepinselt hat, ich lese „Gracias, puerto“ und verstehe „Danke, Pass!“ (Dass da eigentlich etwas Anderes geschrieben steht, bemerke ich erst bei der Sichtung meiner Fotos). Danke, Berg, dass du auch eine Seite hast, die abwärts führt. Und danke, Auto, fürs Anhalten! Ja, irgendwann hält auf mein Zeichen eines der seltenen Autos an, die junge Frau macht für mich den Beifahrersitz frei und drückt sich zu ihren beiden kleinen Kindern auf die Rückbank. „Puh, que calor!“ begrüßt mich der Familienvater. „Wir fahren nach Covarrubias, zum Fluss. Al fresquito, ein bisschen baden…“ „Es gibt einen Badeplatz? Oh, ich glaube, da werden wir uns vielleicht bald nochmal sehen!“ Die lieben Leute setzen mich am Ortseingang von Covarrubias ab.

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Auch Covarrubias besuche ich nicht zum ersten Mal. 1992 muss es gewesen sein, als ich zum ersten Mal hier war, ebenfalls zu Fuß von Silos aus. Über San Pedro de Arlanza war ich damals gekommen, ohne Wegbeschreibung, ohne gelbe Pfeile, sondern mithilfe meiner geliebten 1:300.000er-Karte. An ein Hostal an einem Platz erinnere ich mich, in dem ich übernachtete und kein Auge zu tat, weil unter meinem Fenster ein paar Jugendliche die ganze Nacht lang feierten… ob ich es wiedererkennen werde? Inzwischen hat sich Covarrubias zu einem gepflegten Touristenort gemausert, zum „schönsten Dorf der Provinz Burgos“, wie eine Tafel stolz verkündet. Das Déja-vue ereilt mich allerdings erst, als ich die Gaststube der „Pension Galín“ an der Plaza Mayor betrete. Ja, da war es, da hatte ich mich eingemietet, an diese pittoreske Dekoration erinnere ich mich, wenngleich das Bild in meinem Kopf düsterer ist, die Luft geschwängert von Tabakqualm, der Boden bedeckt von einer dicken Schicht aus Kippen und weggeworfenen Papieren, wie es damals in so einer bei den Gästen beliebten Bar üblich war… und noch immer scheint dieses Lokal Kultstatus zu haben. Allein der ausgestopfte Hase mit Stiefeln, Flinte und Patronengürtel lohnt den Besuch! Ich setze mich mit meiner Kaffeetasse nach draußen. Die deutschen Buspilger sind auch da, und noch einmal versuche ich, ein Gespräch mit der Dame aus dem Kreuzgang anzuknüpfen. „Wir haben uns doch vorhin schon gesehen…!“ Leider fällt auch diesmal die Kommunikation in meiner Muttersprache recht karg aus, die Gruppendynamik scheint keinen Platz für dahergelaufene Pilgerinnen vorzusehen. Michelle schickt eine Nachricht aus Mecerreyes, dort gebe es nichts zu essen, schreibt sie, es empfiehlt sich also, hier noch einmal Proviant einzupacken. Das Lebensmittelgeschäft ist noch geschlossen, ich lasse den Rucksack stehen und flaniere durch die seit dem Mittelalter praktisch unveränderten Gassen zwischen Stein- und Fachwerkhäusern, bis die Rathausuhr Fünf schlägt, erstehe etwas Obst, Brot und Joghurt und mache mich auf den Weg – nein, nicht nach Mecerreyes, sondern „a la playa!“ Ich brauche nur einer Prozession von Jugendlichen zu folgen, über die Brücke zu einem schattigen Hain am Fluss. Da herrscht lustiges Leben, die Kinder plantschen im Wasser, während die Erwachsenen unter Bäumen picknicken oder sich an der Strandbar erquicken. Auch die Familie, die mich auf der Straße aufgelesen hat, treffe ich wieder. Der Arlanza ist hier etwas angestaut. Was für ein Genuss, in dem kühlen nassen Element herum zu schwimmen! Halb Sieben ist es schon, als ich mich endlich losreiße, um die letzten sieben Kilometer zurückzulegen.

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Die Abendstunden sind meine liebste Wanderzeit. Wenn die Hitze nachlässt und das milde Licht die Landschaft warm erglühen lässt. Dann ist es mir manchmal, als würden die Dinge auf eine merkwürdige, mystische Weise etwas von sich offenbaren, was sonst meist verborgen bleibt. Heute will es mir scheinen, dass die Farben ganz besonders intensiv leuchten! Da stört es gar nicht, dass auch dieser letzter Abschnitt auf der Straße dahin führt. Blaue Schleier von Kornblumen auf den Feldern. Sattes Grün, dann wieder brennend rote Erde. Zur Rechten „Las Mamblas“, zwei kegelförmige Hügel, sanft wie die Brüste einer schlafenden Frau. Im Zurückblicken erhebt sich am Horizont ein Felsklotz, hell und majestätisch und fast unwirklich wie eine Fata Morgana, die „Peña San Carlos“.  Und mitten in dieser magischen Kulisse steht fest auf ihrem Sockel eine hünenhafte, steinerne Gestalt – El Cid. Kupferrot glänzend ragt sein Spieß in den ungetrübt blauen Himmel. Ihm, dem Cid, bin ich nun immer wieder begegnet, er ist das deutlich sichtbare Aushängeschild dieses Weges. Dass der Weg auch ein Jakobsweg ist, zeigt sich kaum im Äußeren… den Pilgerweg muss die Pilgerin im Herzen haben.

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Mecerreyes. Das Dorf hat einen besonderen Charme, finde ich. Vielleicht wegen dem liebenswürdigen Grautier, das sich geduldig meinen Rucksack auf den Rücken laden lässt… schade, dass es mich nicht begleiten wird, das Eselchen, es ist aus Eisen. Auf einer gemauerten Hausbank rastet ein ebenfalls in Metall erstarrter Herr. Über ihm prangt an der Wand ein überaus dekoratives Kachelmosaik, mit der Aufschrift  „Nitrato de Chile“ – diese in Spanien öfter anzutreffenden Mosaike erinnern an die Handelsbeziehungen mit Chile Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, als Spanien große Mengen an „Salpeter“ (Natriumnitrat) als Kunstdünger von dort importierte. Aber noch sympathischer sind die Leute aus Fleisch und Blut, die sich ihre Stühle aus dem Haus geholt haben, um am Feierabend gemütlich beieinander zu sitzen. Wie selten habe ich diese Dorfidylle, die doch irgendwie zu meinem Bild von Spanien gehört, auf diesem Weg erlebt! Es tut gut, wieder in eine bewohnte Ortschaft zu kommen. In der Bar frage ich nach der Herberge und bin hier genau an der richtigen Adresse, hier gibt es den Schlüssel, den Stempel und bezahlt wird auch gleich, die Herberge ist nur ein paar Meter weiter. Und was für eine Herberge! Ein altes, ganz großartig renoviertes Haus. Da empfängt mich die Michelle, zeigt mir die Zimmer mit den schönen Holzbetten, ich habe noch viel Auswahl. Michelle hat schon gegessen und für mich eine Portion Salat aufgehoben, dazu brate ich noch meine Tomaten und den Mais aus der Dose, es ist der reinste Luxus hier. Heute ist unser letzter gemeinsamer Abend. Bei einem Glas Wein in der Bar tauschen wir noch einmal die Erlebnisse des Tages aus und stellen fest, dass uns beiden nicht mehr viel daran gelegen ist, die morgige lange Etappe nach Burgos vollständig zu Fuß durchzuziehen. Michelle ist in Gedanken schon auf ihrem „neuen“ Weg, der Ruta Vadiniense – und ich denke an den Flug nach Hause. Dummerweise fährt ausgerechnet morgen kein Bus, denn in Burgos ist Fiesta. Und wenn Fiesta ist, geht einfach in der ganzen Region gar nichts. Nun, dann werden wir es halt wieder mit Autostopp probieren…

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Kurz vor Zehn fällt mir plötzlich noch etwas Wichtiges ein. Heute möchte ich unbedingt sehen, wie die Sonne untergeht! Michelle kommt nicht mit, aber ich laufe aus dem Dorf hinaus, die Straße, wo die Bodegas sind, hinauf und komme gerade noch rechtzeitig. Es sind die längsten Tage des Jahres. Die Gräser glitzern vergoldet, das Land leuchtet rot auf, als die Sonne den Horizont berührt, ganz kurz nur, dann ist der glühende Ball verschwunden, aber die Mauern der Häuser glimmen noch ein wenig nach, und zwischen den Dächern jagen die Schwalben.

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Etappenlänge: 23 km

Die Ruta de la Lana ist von Santo Domingo de Silos aus nicht „offiziell“ über Santa Cecilia markiert, es gibt aber eine Markierung dorthin (lokaler Rundwanderweg). Der  (hoffentlich) mit Pfeilen markierte Weg führt nördlich der BU-901 durch den Wald, ohne Santibanez del Val zu berühren. Dennoch bereue ich den Besuch von Santa Cecilia keineswegs! Um von Santibanez auf den markierten Waldweg zu gelangen, müsste man zuerst 1 Kilometer (bis Km 27) auf der BU-901 zurückgehen und dann eine Querverbindung nach Norden nehmen.

Covarrubias bietet zahlreiche Einkehr-, Übernachtungs- und Besichtigungsmöglichkeiten, aber keine Pilgerherberge. An heißen Tagen tut ein Bad im Río Arlanza gut, an der Badestelle gibts auch eine Strandbar.

Die Herberge in Mecerreyes, „Albergue Municipal La Corneja“, die auch (bzw. in erster Linie) Wanderern und Radfahrern auf dem Camino del Cid zur Verfügung steht, wurde 2010 eröffnet und ist außerordentlich gemütlich und bestens ausgestattet (u.a. Küche mit Geschirr). Tel.: 619 917 389  oder  947 403 277. Anmeldung in der Bar „La Villa“ (947 403 102). Es gibt auch ein Restaurant, „Mesón de Frutos“, das allerdings nur in den Sommermonaten täglich öffnet, sonst nur am Wochenende.

 

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