Ankunft und Abschied. Von Mecerreyes nach Burgos, 15. Wandertag

Freitag, 16. Juni 2017

Heute werde ich in Burgos ankommen und Abschied nehmen von der Ruta de la Lana. Es wird kein schmerzhafter Abschied sein, denn in wenigen Wochen werde ich wieder in dieses geliebte Land Spanien reisen dürfen. Und ich freue mich auf zu Hause. Auf meine Kinder. Meine Freunde. Meinen Garten… Von dieser letzten Etappe erwarte ich mir keine großen Abenteuer mehr – außer einem. Pepe in Villaconejos hat davon geredet. „Auf der letzten Etappe“, hat er gesagt, „ gibt’s einen Tunnel, 600 Meter lang, ohne Licht!“ Das hat was. Am Ende werde ich aus einem dunklen Gang unter der Erde auftauchen wie aus einem Geburtskanal – was für eine schöne Symbolik zum Abschluss eines Pilgerweges! Ich bin gespannt.

Zunächst heißt es allerdings Abschied nehmen von meiner fürsorglichen Weggefährtin. Es war ein Glück, dass uns der Weg zusammengeführt hat. Wir haben uns an den Abenden so Manches erzählt, über unsere Pilgerwege und über unser Leben, und unsere Begegnung hatte etwas so Selbstverständliches und Unkompliziertes. Ein Geschenk. Und nun trennen sich unsere Wege genau so unkompliziert und selbstverständlich, denn vor allem das ist es, was uns gemeinsam ist – jede geht ihren eigenen Weg. Ob wir uns irgendwann wiedersehen werden? Nun wünschen wir uns einfach von Herzen „Buen Camino!“ Michelle wird sich nicht in Burgos aufhalten, möchte heute noch einen Bus an die Atlantikküste erreichen, um auf der „Ruta Vadiniense“ neuen Abenteuern entgegen zu laufen. Sie nimmt ihren Rucksack, wie jeden Tag, und bricht auf, und ich begebe mich zur Bar, um den Schlüssel abzugeben und zu sehen, ob es schon einen Kaffee gibt.

Es gibt schon Kaffee und ein Croissant dazu, und Leben ist auch schon auf der Straße – Mütter begleiten ihre Schulkinder zur Bushaltestelle. Ich renne ihnen nach. „Kommt nun doch ein Bus in Richtung Burgos?“ „Nein, heute nicht, heute ist Fiesta. Nur der Schulbus kommt gleich, aber der nimmt dich nicht mit!“ Die Frauen erklären mir, wie ich aus dem Dorf hinaus auf den Camino finde.

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Zur Linken Felder, zur Rechten Wald, und immer geradeaus durch die wellige Landschaft. Im Zurückblicken in der Ferne die scharf gezeichnete Sierra, in der sich Santo Domingo verbirgt, und über mir weites, ungetrübtes Himmelsblau, in dem Geier ihre Kreise ziehen. Zunächst begleiten mich noch, in schöner Regelmäßigkeit, die ordentlichen Holzpfosten, die den Camino del Cid markieren, ab und zu findet sich auch ein gelber Pfeil. Bei ein paar Steinhaufen eine Hinweistafel – hier gab es einst eine Einkehr, ein Gasthaus für die Händler und Reisenden auf dem „Camino Real“ von Valencia nach Burgos, der alten Handelsstraße, der auch die Pilger folgten und die nun ein sandiger Landwirtschaftsweg ist. Der Weizen ist hier schon gelb und fast reif. Eine Zeitlang gehe ich an einem nicht endenwollenden Lavendelfeld entlang, wie berauschend mag das in einigen Wochen sein, wenn es erblühen wird. Irgendwo pfeift ein unbekannter Vogel noch nie gehörte Töne, minutenlang lausche ich ihm. Der Camino del Cid trennt sich von der Ruta de la Lana, ich folge dem gelben Pfeil. Hier in der Nähe liegen die Steinbrüche, die unter anderem die Steine für die Kathedrale von Burgos geliefert haben. Dann steige in ein Bachtal hinab und einen steinigen Hügel hinauf. Etwas Pelziges erschreckt mich auf dem Weg – nein, kein Tier, wie ich im ersten Moment denke, sondern nur ein verlorenes Büschel Schafswolle. Ruta de la Lana… Nach drei zurückgelegten Wegstunden finde ich mich auf der kargen Höhe einer Sierra, und da hat sich eine ganze Schar Geier am Rand des Felsabbruchs niedergelassen. Vorsichtig pirsche ich mich näher, doch sie bemerken mich, flattern auf, schwingen sich davon. Gleich hinter dem Geierfelsen die roten Dächer eines Dorfes, überragt von einem mächtigen grauen Kirchenbau – Hontoria de la Cantera.

 

In Hontoria wartet eine einladende Bar, ich bekomme ich ein opulentes „Bocadillo tortilla francesa“, dazu eine eisgekühlte Cola und freies Wifi. Sehr beschaulich ist es im Schatten des Sonnenschirms. Eine Frau trägt einen Korb frischen Salat ins Lokal. Ein Kind scheppert mit einem Roller über den Platz. Ich male mir die Ankunft in Burgos aus. Fürchte mich ein bisschen vor dem Menschengewimmel der Stadt, nach den vielen einsamen, stillen Tagen. Werde ich noch einen Platz in der Herberge bekommen? Werde ich mich überhaupt in all dem Pilgervolk, das vom Camino Frances her in Burgos eintrifft, zurechtfinden? Und dann tue ich etwas, was ich noch auf keinem meiner Caminos getan habe – ich reserviere mir, online, ein Bett. Nicht in der Pilgerherberge, sondern in einem Hostel, über Booking.com, und nachdem das erledigt ist, fühle ich mich erleichtert, jetzt ist es egal, wann ich ankomme. Trotzdem werde ich versuchen, den Weg nach Burgos etwas abzukürzen…

Am Rand von Hontoria führt die N 234 vorbei, eine schnelle, breite Straße, aber ich brauche nicht lange zu warten, ein netter Mensch hält an. „Ja, ich fahre zur Fiesta nach Burgos! Die ist in Las Huelgas. Komm nur mit!“ Verlockend… aber ich entscheide mich doch dafür, noch ein Stück zu Fuß zu gehen. Zumindest durch den Tunnel. „Das da rechts ist Revillaruz… aber für die Via Verde kann ich dich auch an der Abzweigung nach Cojóbar rauslassen. Da sind wir schon!“ Cojóbar liegt einen Kilometer abseits der Nationalstraße, aber schon bevor der eigentliche Ort erreicht ist, kreuzt zwischen den Gebäuden einer Industrieanlage die ehemalige Bahntrasse, die, zurückgebaut, seit Juli 2014 als Rad- und Wanderweg dient.

 

Das Spannendste an dieser Wegstrecke ist vielleicht die Vorstellung, man würde in einem klappernden Waggon dahintuckern. Eine Dampflok vorgespannt, Kohlengeruch, schrille Pfiffe, Dampf und Rauch. Immer fast eben dahin, mal im Hohlweg, mal auf dem Bahndamm. Eine großzügige Kurve, ein Bahnhof: Modúbar de la Emparedada. Vom Gleis aus bekommt man oft nur die Rückseite einer Ortschaft mit, also steige ich am Bahnhof aus meinem imaginären Zug aus, um Modúbar ins Gesicht zu sehen, aber ein charakteristisches, unverwechselbares Gesicht will sich bei meinem oberflächlichen Streifzug nicht zeigen. Ein paar ältere Gebäude aus Stein, ein paar neue, gelb verputzt oder mit roten Klinkern verbrämt wie überall in Spanien, Gartenbüsche, blühende Rosen. Eine solide, etwas abweisend wirkende Kirche aus schweren grauen Quadersteinen. Ich sehe mich nach dem Weg um, auf dem ich die Via Verde, die hier eine leichte Steigung in einem großzügigen Bogen überwindet, abkürzen kann und stoße auf eine Markierung, die ich ganz und gar nicht zuordnen kann: Camino de San Olav! Und auch auf englisch steht es da, in fein geschnörkelten Buchstaben – St. Olav´s Way. Was hat das hier mit dem Olavsweg in Norwegen zu tun? Die Erklärung findet sich bei der Recherche im Internet, und der Hauptgrund dafür, warum im Jahre 2011 dieser „Olavsweg“ von Burgos nach Covarrubias eröffnet wurde, ist wohl der, etwas zur touristischen Erschließung der Gegend beitragen zu wollen. Als Aufhänger dient eine Geschichte und ein Versprechen, das lange auf seine Einlösung warten musste: Prinzessin Kristina von Norwegen war im Jahr 1257 nach Spanien gekommen, um einen Bruder des Königs Alfons X, „El Sabio“, zu heiraten. Nur zwei Jahre später starb Kristina, aus Heimweh, wie es heißt. Sie hatte sich das Versprechen ausbedungen, dass nach ihrem Tod in Covarrubias eine Kirche für den Heiligen Olav gebaut werde… Nun, die Kirche wurde gebaut, wenn auch erst 750 Jahre später, und dazu gleich ein Pilgerweg, der spanische Olavsweg. Von hier aus bis Burgos verläuft er im Wesentlichen parallel zur Via Verde und zur Ruta de la Lana, während der Camino del Cid Burgos nun etwas weiter östlich, über das Kloster San Pedro de Cardeña, erreichen wird. Ich entschließe mich, bei der verwirrenden Vielfalt an Wegen, wieder auf meinen Bahndamm hochzuklettern.

 

 

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Endlich, am Fuß eines Hügels, das Loch. Ich stelle mich darauf ein, dass es stockfinster sein wird, und ich möchte keine Lampe benutzen. Aber als ich in den Tunneleingang hineinschaue, sehe ich das Licht am anderen Ende. Kann denn dieser helle Bogen da vorne wirklich 600 Meter entfernt sein? Kaum zu glauben, aber da, auf der kleinen Tafel am Eingang, steht es noch einmal schwarz auf weiß. Jetzt kommt auch noch eine Familie mit zwei Kindern durch den Tunnel geradelt und nimmt mit ihrem Gegacker und Geschwätz meinem Gang durch die Unterwelt auch noch das letzte Restchen an Dramatik… Natürlich gönne ich der fröhlichen Familie ihren Spaß! Warte aber doch, bis sie außer Hörweite ist, dann schreite ich hinein ins Loch, das Ende des Tunnels, in dem es gar nicht wirklich finster ist, beständig vor Augen. Um die Akustik in so einer Röhre zu erleben, und weil mir einfällt, dass ich auf dem ganzen Weg noch kein Pilgerlied gesungen habe, stimme ich „Tous les matins nous prenons le chemin…“ an, das passt immer.

 

Und dann stehe ich auch schon wieder draußen in der Sonne und schaue auf Felder und Hügel und alles ist wie zuvor… Alles? Doch, es gibt einen Unterschied, denn dieser Tunnel war durchaus so etwas wie ein Tor. Hinter diesem Tunnel liegt die Ruta de la Lana, auf der ich zwei Wochen meines Lebens verbracht habe, und ich habe sie nun beendet, selbst, wenn bis zur endgültigen Heimfahrt noch etwas Zeit bleibt… Spätestens in der Bar in Cardeñadijo spüre ich es ganz deutlich. Ich halte ein Glas in der Hand, eine Cocacola mit Eiswürfeln, meine Haut ist voller Salz und Staub, am Nebentisch schlürft ein Pärchen bunte Drinks aus riesigen runden Pokalen, Kinder ziehen auf Fahrrädern Achter auf der Straße, ein staubiger Strauch wächst aus einer bröckligen Mauer. Ich spüre keine Verbindung mehr zu all dem, als wäre ich gar nicht mehr da. Ich trage das Glas zurück und wandere durch den Ort, irgendeinen ländlichen Vorort von Burgos, dessen Besonderheit und Charakter mir verborgen bleibt. Es ist 18 Uhr vorbei, noch immer brütet die Tageshitze. Noch sieben Kilometer nach Burgos, und drei Möglichkeiten, links die Via Verde, rechts oben am Hang der Camino, und dazwischen die Landstraße. Ich wähle die mittlere Möglichkeit mit der Option einer Mitfahrgelegenheit, und die lässt nicht lange auf sich warten. Der Herr, der mich mitnimmt, trägt einen grauen Cowboyhut und teilt mir, ohne seinen Redefluss auch nur eine Sekunde lang zu unterbrechen, seine Ansichten zur spanischen Regierung und Politik mit, wobei ich dank seiner nicht gerade musterhaften Artikulation seinen Ausführungen kaum folgen kann, was vermutlich kein großer Verlust ist. Schon unterqueren wir die Autobahn, schon sind wir in der Stadt, in der Einfahrtsstraße, Calle Madrid. Hohe Häuserreihen, Autos, Ampeln… „Hier lasse ich dich raus. Da vorne ist der Fluss, dahinter die Kathedrale. Kommst du zurecht?“ Ja, ich komme zurecht.

Dieses Viertel am linken Ufer des Río Arlanzón habe ich noch nie erkundet. Ich biege in die nächstbeste Seitengasse ein und stehe nach wenigen Metern vor einer Kirche, San Cosme y San Damián. Eine Kirche, deren Tür nicht versperrt ist. Gotischer Raum, vergoldeter Barockaltar, aber was mein Interesse weckt, ist etwas anderes – der Teppich aus bunten Kreisen, der den Boden des Altarraums schmückt und der offensichtlich gerade fertig gestellt worden ist. Zwei Jugendliche bessern noch letzte Unebenheiten in ihren Werk aus, das aus gefärbtem Sägemehl besteht und mich irgendwie an die Sandmandalas der Tibeter erinnert. Der Priester, der mit den beiden Jungs auf dem Boden kniet, erhebt sich, fotografiert den Teppich, dem nur ein flüchtiges Dasein geschenkt ist, mit dem Handy. Ein recht fescher Priester ist das, sehr jung und sehr schlank, mit Kollar und schwarzen Turnschuhen. „Wir feiern unser eigenes kleines Corpus Christi“, erklärt er, nachdem er mir zur Begrüßung die Hand geschüttelt hat. „Und wir haben einen besonderen Grund – wir haben nämlich erst vor Kurzem in diesem alten Altar eine Vorrichtung entdeckt, mithilfe derer sich das Allerheiligste automatisch herausfahren und wieder verstecken lässt. Jahrhunderte lang war diese Maschine vergessen, aber jetzt konnten wir sie wieder in Gang setzen. Morgen, während einer feierlichen Vesper, wirst du es sehen können!“ Nun ja, solche Effekte sind nicht unbedingt das, was mich in die Kirche lockt – auch zu Hause in Bayern wurde in den letzten Jahren dergleichen barocke Hardware, die nach dem zweiten Vatikanum nicht zu Unrecht auf den Dachböden verschwunden war, wieder hervorgekramt. Aber wenigstens weiß ich jetzt, welche Fiesta in Burgos gefeiert wird – das Fronleichnamsfest!

 

Auch die Kathedrale präsentiert sich im Festgewand, behängt mit rotgemusterten Damastdecken. Die ganze Stadt scheint heute frohgelaunt zu sein, Kinder mit Luftballons in den Händen, hübsche Damen in luftigen Sommerkleidchen, lachende Grüppchen flanieren über den Platz. Ein Chor singt vor einer Kneipe ein Ständchen, die Abendsonne verwandelt die verglasten Galerías in blinkendes Gold. Ich stehe vor der Theke einer Tapasbar und weiß gar nicht, welche Schlemmerei ich auswählen soll. Spanien ist so ein wunderbares Land! Wüsste ich nicht, dass ich in wenigen Wochen schon wieder hier sein werde, fiele mir der Abschied schwer, aber nun genieße ich einfach meine Ankunft. Eine Nachricht von Michelle trifft ein: „Bin bis Revillaruz zu Fuß, dann Auto nach Burgos und Bus nach Santander. Morgen ein neuer Weg!“

Mein Hostel liegt unmittelbar am Busbahnhof. Neben den Betten im Zimmer stehen Rucksäcke und Wanderschuhe. Welche Geschichten mögen die zu erzählen haben? Meine Geschichte ist für diesmal zu Ende.

„Morgen ein neuer Weg…“ In jedem Abschied liegt ein Neubeginn.

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Etappenlänge: 34,8 km

Viele Wege führen nach Burgos…

Die ehemalige Bahntrasse „Via Verde“ kann ab Cojóbar als Alternativroute gewählt werden und verläuft parallel zu dem als „Ruta de la Lana“ markierten Weg.

Liebhaber westgotischer Kirchen könnten bereits ab Covarrubias den „Camino de San Olav“ wählen, auf dem man in Quintanilla de las Viñas an einer der ältesten Kirchen Spaniens überhaupt vorbeikommt, mit wunderbaren Darstellungen:

http://www.caminodesanolav.es/es/contenido/?idsec=560

http://wernernolte.de/architektur-des-mittelalters/sakralarchitektur/vorkarolingisch/santa-maria-quintanilla-de-las-vinas-burgos

Und schließlich führt auch der Camino del Cid in die Stadt Burgos, vorbei am Kloster San Pedro de Cardeña – von wo aus man vor der Ankunft in der Stadt auch gleich noch die bezaubernde Cartuja de Miraflores besuchen könnte…

https://www.monasteriosanpedrodecardena.com/mspc-mon-caminocid.html

In Burgos trifft die Ruta de la Lana auf den Camino Francés. Die Pilgereinsamkeit hat hier ein Ende…

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2 Kommentare zu „Ankunft und Abschied. Von Mecerreyes nach Burgos, 15. Wandertag

  1. Vielen lieben Dank für diesen Bericht, mit dem du mich auf Deine Pilgerreise auf der Ruta de la Lana mitgenommen hast. Ich durfte mich mit Dir an der wunderschönen Landschaft erfreuen, Deine Stimmungen nachempfinden! Du hast meine Sehnsucht bestärkt, wieder einen Camino zu gehen, vielleicht – oder hoffentlich? – wird es diesmal die Ruta de la Lana.

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